Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1
- Article
- Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 14)
- Language
- German
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Rosy Bodenheimer. Beitrag zur Geschiebte der Juden in Oberhessen Mit den Unruhen des 30jährigen Krieges haben sich die Juden vielfach in die Städte gezogen, und wir kennen schon die Klagen der Zünfte, daß ihnen die Juden immer wieder ins Gehege kommen. Bei dem allgemeinen Warenhunger jener wüsten Jahre kaufen sie in wilder Geschäftigkeit alle Waren auf. Sie treiben Handel mit Lebensmitteln, ehe die schwerfälligen Zünfte sich versehen, haben sie auf den Märkten alles Begehrenswerte an sich gebracht. Die Zünfte behaupten in ihren Eingaben, daß sie auch vor Einkauf gestohlenen Gutes — es wurde in jener verwilderten Zeit viel gestohlen — nicht zurückschrecken. Viel haben aber die Juden bei dieser Betriebsamkeit nicht er^ reicht. Die Juden von Schotten und Stornfels erklären schon 1631, sie seien durch das Kriegswesen verarmt, und gerade die Schottener hatten sich über jüdische „Hantierung und Wucher" beschwert86). Es spricht auch nicht für jüdischen Wohlstand, daß sie dauernd im Lande umherziehen und häufig ihren Wohnsitz ändern, worüber im Jahre 1636 geklagt wird. Es muß ihnen auch geschadet haben, daß dauernd fremde Juden sich ins Land „eingeschleift"87). Erst mit der Konsolidierung der allgemeinen politischen Verhältnisse scheint sich auch ihre Unrast wieder zu legen. Bei einzelnen Juden bildet sich jetzt ein gewisser Wohlstand aus. Als aber Landgraf Georg II. im Jahre 1653 für' seine Reise auf den Reichstag zu Regensburg und für die Abfindung seiner Vettern von Hessen-Homburg die erhebliche Summe von 3300 Reichstalern benötigt, kommt für eine solche Anleihe die eingesessene Judenschaft doch nicht in Frage. Wohl aber kann nun der Landgraf die Beziehungen seiner jüdischen Untertanen zu den Finanzleuten der Frankfurter Judengasse gebrauchen. Durch ihre Verwendung erhält er die geforderte Summe von Abraham, Jud zum Drachen, in Frankfurt a.Main88). Dem Abraham werden zum Teil die Einnahmen des Staates von den Juden des Oberfürstentums verschrieben. Als aber die Zahlungen stockend eingehen, verlangt Jud Abraham 89), daß ein paar bestimmte Juden ihm für die Schuld ihres Landgrafen persönlich bürgen sollen. Aus dem Oberfürstentum werden jetzt einige Juden nach Frankfurt beordert, um dort ihre Obligation zu stellen. Diese wenigen müssen also doch wohlhabende Leute gewesen sein, wenn sie dem Finanzier Abraham kreditwürdig schienen. Als Gegenstände jüdischen Handels werden in jener Zeit Häute, Krämerwaren, Hopfen, Wolle und Wein genannt. Auch ist ein Fall bezeugt, daß ejn Gießener Jude von vornehmen Leuten einen Vertrauensauftrag zum Verkaufe wertvoller Juwelen erhalten hat. Als die Vertreibung der Juden aus den Städten erfolgt, die diese schwachen Ansätze zu wirtschaftlicher Blüte mit einem Schlage knickte, erfahren wir von zwei Stellen im Oberfürstentum, daß Juden eine wirtschaftliche Funktion ausübten, die so wichtig war, daß christliche Bürger Ihren Wegzug bedauerten. 88) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 32. 87) Diese werden 1636 unter großen Strafen ausgewiesen. Im gleichen Jahre hat die Stadt Herbstein, die dem Fürstabt von Fulda gehört, Juden aufgenommen. Es waren wohl Vertriebene aus Hessen. Hess. Staatsarch. XL 2. Konv. 4, fol. 1/49 (Stadt Herbstein betr. Fulder Akten). 88) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 48 ff. (die Judenschaft wegen Zahlung von 1000 "Reichstalern so von Abraham, dem Juden zum Drachen» aufgenommen worden betr., anno 1653). 89) Er war mit seiner Familie und mit seinen Dienern an hessischen Zollstätten vom Leibzoll befreit. 24