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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 1 · p. Seite 13

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 1
Article
Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation
Date
1932-01-01
Page
Seite 13 (sequence 3)
Language
German
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Rosy Bodenheimer. Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen Kaum aber sitzen die Juden in den Städten, als auch schon die Eingaben der Zünfte nach Darmstadt gehen. Während in Allendorf a. d. Lumda den Juden bescheinigt wird, daß niemand im Städtchen unter ihnen zu leiden gehabt43), regnet es nur so Beschwerden aus Gießen, aus Homberg, aus Schotten**). Die Zunftmeister des Weißgerber- und Löwerhandwerkes in Homberg a. d. O. sind nicht wenig erbost, als ihnen der Jude Nathan das Rauchwerk vor der Nase wegkauft*5). Kein Wunder, daß auch die Bürger von Nidda, bei denen die Verhältnisse ähnlich liegen, in den Landgrafen dringen, er möge sie des „Judengeschmeißes" wieder entheben und sie in ihren Privilegien erhalten*6). Aehnliche Klagen kommen aus Gießen*7). Dort kaufen sie den Bürgern „vor dem Maul uff", was auf den Markt kommt, der gemeine Mann muß darben. Wer Studenten hält, kann keinen anständigen Bissen auf den Tisch bringen; denn alles gute Fleisch kaufen sie auf. Ja noch schlimmer treiben sie es. Sie stellen die Bauern, die Lebensmittel auf den Markt bringen wollen, schon auf der Landstraße, handeln ihnen ihre Ware ab, bevor sie überhaupt auf den Markt kommen. Sind diese Vorwürfe gegen die Juden, die die überlieferten Vorrechte der Zünfte so gering schätzen, nach der Wirtschaftsethik jener Zeiten und Klassen gewertet, nicht ohne Berechtigung, so ist eine andere Gruppe von Beschwerden sicherlich nicht angebracht. Es war wohl kaum die Schuld der Juden, wenn in diesen bösen Kriegsjahren „Holz, Fleisch und alle Viktualien" im Preise stiegen, wenn eine Wohnung, für die man früher 8—9 fl. Mietzins gegeben, jetzt 40 fl. und mehr kostete, sodaß kein ehrliebender Handwerker mehr seine Kinder verheiraten konnte. Sie konnten auch nichts dafür, daß auf einmal so viel „böse Müntz in der Statt" war, die böse Münze war im Jahre 1622 in ganz Deutschland. Es lag nahe, die Juden, die mit dem Kriegsunglück zugleich in den Gesichtskreis des Bürgers getreten waren, für dieses Kriegsunglück verantwortlich zu machen. Wie hätte es diesen einfachen Menschen einleuchten sollen, daß die Gleichzeitigkeit zweier Erscheinungen noch nicht ihren inneren Zusammenhang beweise? Die Erregung dieser wilden Jahre brandet auch bis in die Kreise der Universität. Im Jahre 1622 fand der Vizekanzler bei der Gießener Regierung einen Anschlag an dem Hause, in dem er wohnte, „am Eck des eng gäßleins, am Schenckeschen Hauß". Ob hier ein Studentenunfug vorliegt oder eine regelrechte Verschwörung von Studenten und Bürgern gegen die Juden, ist schwer zu entscheiden. Die ganze Aufmachung des Zettels spricht mehr für einen wüsten Scherz. Allerhand Zeichnungen sind darauf angebracht, u. a. das unverkennbare Abbild eines Schweines. Der Text, der, ob Ernst, ob Unfug, immerhin die Stimmung der Bevölkerung spiegelt, lautet: *8) „Cui sunt oculi videat et cui aures audiat. S. P. Ihr herren Studiosi wie den auch ihr Ehrlichen Lieben Bürger und etc. So ihr mir geschworen bei mir gut ehr und bludt auffzusetzen erscheinet in *') Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 4. **) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, foL 32. «) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 41. *6) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 42. *7) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 10 ff. (Bürgermeister u. Rat usw. 1622). *s) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, foL 17 (Bürgermeister und Rat 1622). 13

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