Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1
- Article
- Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Rosy Bodenfoeimer. Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhesaen Wie eingeengt durch alle diese Bestimmungen die Lage der Juden war, beweist die Klage eines jüdischen Arztes in Gießen39), der sich in seiner Not im Jahre 1559 an Landgraf Philipp wandte, und dessen Mißgeschick typisch ist Er hatte bis dahin von seiner Arzneikunst gelebt. Da wird ihm die Ausübung seines Berufes unmöglich gemacht, da der Pfarrer von Gießen in seiner Predigt alle die verdammt, die sich mit ihm abgeben. Er droht den Ungehorsamen mit der Entziehung des Abendmahles. Da er nun durch die Feindschaft des Pfarrers seine eigentliche Erwerbsquelle verloren hat, versucht er es, seinen Unterhalt mit Kauf und Verkauf zu verdienen. Da aber begegnet er einem anderen, nicht geringeren Widerstand. Die Gießener Krämerzunft, in deren verbriefte Rechte er damit eingegriffen, belegt ihn mit hoher Strafe. Er fleht darauf den Landgrafen an, ihm wenigstens zu gestatten, daß er »gegen geziemenden Zins" Geld ausleihe, andernfalls gingen die bedürftigen Untertanen doch zu den ausländischen Juden und brächten dorthin ihre Pfänder; denn das Bedürfnis nach Kredit sei dringend. Der Rechner von Gießen bestätigt, daß gerade den Handwerkern Gießens „hulff und furschusse von nothen". In dieser Eingabe ist alles vorgedeutet, was die kommenden Jahrhunderte bringen werden: Feindschaft der Pfarrer, Feindschaft der Zünfte, religiösen und wirtschaftlichen Antisemitismus. Den Juden bleibt fast nichts übrig als die Geldleihe. Auch sie wird von staatswegen außerordentlich erschwert, obwohl ein dringendes wirtschaftliches Bedürfnis dafür vorliegt. Georg I. (1567—1598) war den Juden nicht gewogen. Er, dem nachgerühmt wird40), daß er vor allem ein vortrefflicher Volkswirt gewesen sei, war von der Angstvorstellung beherrscht, die Juden könnten durch ihren Wucher das Geld seiner Untertanen an sich ziehen. Bei der Erwerbung der Aemter Schotten und Stornfels (1583) mußten die dortigen Juden bei der Uebernahme die nicht unerhebliche Summe von 55 fl. 10 alb. bezahlen*1). Unter Ludwig V. setzt nun unter den hessischen Juden eine Wanderbewegung ein, die sie von den Dörfern weg in die Städte führt Die Unsicherheit der Kriegszeiten zwingt sie, die als Juden auf dem flachen Lande wohl besonders der Roheit der Soldaten ausgeliefert waren, in den Städten ihre Zuflucht zu nehmen. Nach Allendorf a. d. Lumda, nach Alsfeld, nach Butzbach sind sie erst im Kriege gekommen (vorher hat es dort keine dauernd ansässigen Juden gegeben). In Schotten, wo vorher ein Jude mit seiner Familie wohnte, leben jetzt 15, in Homberg a. d. O. haben sie sich vermehrt, in Gießen ist ihre Zahl auf 23 Familien angewachsen*2). Für Gießen läßt es sich nachweisen, daß die neuen Einwanderer fast alle aus der näheren Umgebung stammen, daß es sich also um eine Wanderung geringen Ausmaßes handelt 39) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 15 ff. *°) S. Chr. v. Rommel, Geschichte von Hessen seit dem Westfälischen Frieden bis jetzt (Kassel 1853), 1. Bd., S. 397. **) Günther, a. a. O., S. 82. *2) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 1—21 ff. (Bürgermeister und Rath wie auch die Bürgerschaft zu Gießen .... usw.) 12