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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 1 · p. Seite 6

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 1
Article
Das letzte Dokument der 1670 vertriebenen Wiener Judengemeinde
Date
1932-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Majer Balaban. Das letzte Dokument der 1670 vertriebenen Wiener Judengemeinde schienen nach kurzer Zeit in der Judenstadt am Kasimir neue Wiener, unter ihnen vielleicht manche von denen, die (oder deren Väter) die Stadt während der Schwedengefahr verlassen hatten. II. Liquidationsakt der Wiener Judengemeinde. Am 25. Juli 1670 verließen die unglücklichen Wiener Juden ihre Vaterstadt und zogen in die Fremde. Die meisten machten sich einstweilen in Mähren ansässig, wo sie viele Verwandte hatten, andere zogen nach Polen, und zwar in die großpolnischen Gemeinden (Krotoschin, Lissa, Posen), aber auch nach dem fernen Reußen und Litauen. In Przemysl finden wir als praktizierenden Arzt den Dr. Isaak Lionel Winkler40), der im Jahre 1682 vom König- Johann III. Sobieski einen Protektionsbrief erhielt41). Sein Bruder Dr. Jakob Winkler ließ sich — wie bekannt — in Posen nieder, wo er die Tochter des Dr. Mose Lima heiratete und nach dem Tode seines Schwiegervaters eine weit ausgedehnte Praxis hatte**). Sein Sohn Dr. Wolf Winkler (promoviert in Padua 1701)43) praktizierte ebenfalls in Posen, wurde aber durch die Aussagen der verlotterten Agnes Mroczkowska in den Ritualmordprozeß 1736 hineingezogen und rettete sich vor dem Tode nur durch schnelle Flucht aus Posen. Zwei andere Juden, der Prediger Arje Leib Kalahora und der Syndikus Jakob Ben Pinc h a s, die auch von derselben Kronzeugin angeklagt waren, büßten ihr Leben bei der Untersuchungsfolter unter den Händen des Henkers44). Mehreren Wiener Exulanten begegnen wir in Krakau; der Name Wiener wiederholt sich sehr oft in den Akten, es ist aber schwer festzustellen, ob hier alte oder neue „Wiener" gemeint werden. Unter den neuen finden wir hier den ehemaligen Vorsteher der Wiener Gemeinde Jakob Reiss (Rays), dem König Michael Wisniowiecki am 30. Juni 1671 auf Grund eines kaiserlichen Passes (per litteras passus serenissimi imperatoris) das Wohn- und Handelsrecht in ganz Polen — mit Ausnahme Masoviens — erteilt, ihn zu seinem Hoffaktor ernannt und urkund dieser Ernennung von jeglicher jüdischer Gerichtsbarkeit befreit hat; er braucht nur dem königlichen Marschallgericht Rede zu stehen45). Neben Reiss, der in Krakau große Geschäfte führt, sehen wir hier den Elias Halevy Wiener (Wiedenczyk), der zusammen mit seiner Frau Feige und dem Exulanten Moses Sohn Abrahams (Abrahamowicz) bei dem Adeligen Remigius Ostrowski 500 Gulden leiht (1676)46). Sein Landsmann S a 1 o m o Wiener steht mit den größten Bankiers und besonders mit der Firma Robert Forbes, welche die Finanzen der Krakauer Judengemeinde saniert47), 40) Kaufmann, Letzte Vertreibung, SS. 138 und 222. ti) Schorr, Zydzi w Przemyslu, S. 13 (Castrensia praemisliensia Bd. 461, S.411). *2) Kaufmann. Gesammelte Schriften III, S. 287—288. 43) W a r c h a 1, Zydzi polscy na uniwersytecie padewskim (Polnische Juden an der Universität Padua) (Kwartalnik dla Historji Zydow w Polsce, III, 1913, S. 59, Anm. 2). 44) Balaban, Ritualnij Process w Pozniani (1736—40) Jewrejskaja Starina Petersburg 1913, S. 469—85. 45) Staatsarchiv in Krakow, Relationes castri crac. Bd. 98. B, S. 1927, de dato Warszawa 30. Juni 1671. *6) Das., Rel. 102 S. 54. Sein Sohn Isachar Ber ben Elias Wiener Halewi hat im Jahre 1712 an zweiter Stelle das Rabbinerdiplom der Krakauer Gemeinde für Samson Wertheimer gefertigt. Kaufmann, Urkundliches aus dem Leben Samson Wertheimers, S. 140. 47) Im Jahre 1694 hat die Krakauer jüdische Gemeinde bei Forbes sämtliche Konsumsteuern behufs Deckung der schwebenden Schulden für 55 000 Gulden verpfändet Diese Schuld sollte in Wochenraten ä 260 Gulden abgezahlt werden. 6

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