Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Flamänder als Spitzname
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
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Oberschlesier) bezeichnet werden, während der Deutsche vom Magyar „Schwöb", vom Slaven „Niemiec" (vgl. das französische „Boche" und „querelle d'Allemand") genannt wird. — „Janhagel", also auch vlämisch, heißt ja der Pöbel in Deutschland, „flamendriren", „flandrieren" bei den böhmischen Juden so viel wie „herumbummeln", „flanieren". In Prag, wohin im 13. Jahrhundert Ottokar I. zur Hebung der Industrie Vlämen berufen hatte, scheinen diese, besonders bei den Juden, sich keines guten Rufes erfreut zu haben, während in den romanischen Ländern wiederum die „Boheme" in Mißkredit geraten ist, wohl weil die Zigeuner, denen die „Flamender" im Volksmunde nahe gerückt sind, aus Böhmen dorthin kamen. „Flandrak" ist noch heute, z. B. in Wien, ein häufiger jüdischer Familienname, ähnlich wie „Flandrin" n. pr. in Frankreich, eine „Flamming-Gasse" in Baden bei Wien, „Fläming" n. pr. neben „Nedirlander" in Breslau (H. Reichert, Die deutschen Familiennamen, S.97). Sollte die Bezeichnung „Flamänder"in dem hier behandelten Sinne nicht im Prager Ghetto selbst entstanden sein, so könnten aus Schlesien, wo, wie bemerkt, die Volksmeinung den Vlämen nicht günstig war, nach Böhmen eingewanderte Juden sie mitgebracht haben. Daß „Flamengos" (in Venedig z.B. hatten sie ihre besondere Gemeinde, vgl. Ersch u. Gruber, Art. „Juden", S. 160, u. M. Wieners Uebersetzung des „Emek habacha", S. 218) zum Spitznamen wurde, rührt wohl auch daher, daß Flandern „voller Juden war, die der neuen Lehre anhingen" (Emek habacha a.a.O., S.44). — Der Vogelname „Flamingo" dürfte mit unserem Gegenstande nichts zu tun haben. — Zu den in übertragenem Sinne gebrauchten lokalen und Gruppenbezeichnungen gehören auch: Apachen, Aramäer (= Nichtjude), Arkadien, Balkan, Bumesl (Jungbunzlau, jüd.), Chelm, Clerk, Esau, Hornberger (Schießen), Mohikaner, Paladin, Quinten, Kümmeltürke, Corsaire, Kuthi (Samaritaner Nichtjude), Damaskus, lesbisch, Wiener (als Bezeichnung aller Oesterreicher und benachbarten Völker im Deutschland des Mittelalters), Katzeimacher (für „Italiener" in Oesterreich während des Weltkrieges, wohl von „Katzenstreicher", die den Leuten die Kleidung — Kotze Decke — streichen, d.h. Liebediener, Fuchsschwänzler, so bei Pauli, Schimpf und Ernst, Nr. 37), Mailänder (bei den Wiener Juden für die galizischen Kriegsflüchtlinge), Galler (so nennt der Gäle alle, die nicht seine Sprache verstehen, zunächst seine Nachbarn, die Bewohner des schottischen Lowlandes, „Fremder" und „Skandinavier" sind für ihn identisch, vgl. F. Macleod, Wind und Woge, S. 146), „Franzosen" nennt der Deutsche dieselbe Krankheit, die der Franzose als „neapolitanische", der Pole als „deutsche", der Russe als „polnische" bezeichnet. In den USA bezeichnet man Italiener und andere Romanen wegwerfend als „Dago", der Zigeuner sich als „Rom" („Rum" beim Tscherkessen Italiener, beim Türken Europa), den Nichtzigeuner als „Gajo" (Aichele, Block und Ipsen, Zigeunermärchen XXII), der Tscherkesse sich als „Zug" (Mensch), die Magyaren als „Gurt/' (jüd. Hagar), die Hunnen bzw. Kalmyken als „Turguten", die Türken als „Temigen" (jüd. Togarma), vgl. Schora—Bekumirsin—Nogmow, Die Sagen und Lieder des Tscherkessenvolks 3, 9. Das hebr. Armi[e]nia bedeutet Rom, richtiger Ost-Rom oder Byzanz, vielleicht auch das heilige röm. Reich deutscher Nation (S. Krauß, Lehnwörter II, 132; ders., Das Leben Jesu, 264), „Syrer" bei den Römern soviel als „Jude", (Aelius Lampridius, Alex. Severus c. 28), während jüdisch gerade der Römer als Aramäer (Syrer) bezeichnet wurde (M. Sachs, Beiträge II, 145), „Lappländer" in Norddeutschland K(l)abautermännchen (Kuhn, Schwartz, Norddeutsche Sagen 545). Hierher gehören auch „oller Schwede" (schlesischk Fonje (Iwan) für „Russe" (jüd.), Berserker, Kannibale, Bergamo, Chaldun (bei Damaskus), Schöppenstedt (als Abderiten). Aus alledem ergibt sich, daß sowohl in Spanien, insbesondere bei den spaniolischen Juden als auch in Oesterreich und den Ländern der böhmischen Krone, wie u. a. bei den Prager Juden, der Vläme in Nichtachtung geraten ist. Dieses Stigma erhielt er z. T. als „Fremder" überhaupt, zum anderen, so in dem Falle der Spaniolen, aus religiöser Antipathie gegen die Marranen, vor allem aber wohl dadurch, 271