Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 268

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 4
Article
Hebraica aus Stammbüchern des 18. Jahrhunderts
Date
1931-01-01
Page
Seite 268 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2259275-2259288-2259292-2261219--3641-2261288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Miszellen Wesentlich belangvoller ist ein weiteres Dokument der Frankfurter Linel-Sammlung. Der unscheinbare Lederband mit seiner Filigranschließe, welche die Initialen J. C. S. aufweist, fehörte ursprünglich dem Kaufmann iegesmund Streit, der das Buch im Jahre 1709 in Leipzig anlegte, um darin die Namen seiner Freunde zu bewahren, als er die Heimat verließ und nach Venedig auswanderte. Streit, am 13. April 1687 als Sohn eines Hufschmiedes in Berlin geboren, besuchte dort das Gymnasium zum Grauen Kloster und kam erst in Altona, dann in Leipzig in die kaufmännische Lehre. Nach seiner Auswanderung verbrachte er die nächsten Jahre als Angestellter, um im Jahre 1715 ein eigenes Handelshaus zu errichten, das er durch Geschick, Fleiß und Sparsamkeit zu großer Bedeutung brachte. Zahlreiche Fürstlichkeiten, selbst die Hofhaltung Friedrichs des Großen stand mit dem Streitschen Handelshaus in Verbindung. Im Jahre 1750 konnte sich Streit als wohlhabender Mann zur Ruhe setzen, und in Padua, wohin er 1754 übersiedelte, genoß er sein Alter als Freund verdienter und gelehrter Männer. Sein Andenken lebt als Wohltäter des Gymnasiums zum Grauen Kloster, seiner ehemaligen Schule, noch heute fort. Die Leipziger Jugendfreunde zierten Streits Stammbuch mit reizenden Malereien. Offenbar kehrte der angehende Kaufmann in der ersten Zeit noch zuweilen nach Leipzig zurück; denn es finden sich von dort auch in den Jahren 1710 und 1711 noch Einträge. Später scheint er sein Buch nicht mehr benutzt zu haben, und erst mehrere Jahre nach seinem 1775 erfolgten Tode wird der Band neuerlich verwandt. Der nunmehrige Inhaber ist ein gewisser Teophil Friedrich Jakob Künhans, der laut eigener Aufzeichnung am 1. Juni 1756 in das Haus Siegesmund Streits eintrat und dort bis zum Mai 1760 blieb. Welches Schicksal das Stammbuch gehabt haben mag, ob es als Erbstück in die Hände des Nachbesitzers kam, muß dahingestellt bleiben. Seit dem 18. April 1782 tragen sich in Venedig die Freunde von Herrn Künhans ein, zu welchen Adlige und Gelehrte zählen, vor allem aber die hervorragendsten der italienischen Juden des 18. Jahrhunderts. Der Nachkomme des berühmten David Aboab, Rabbiner Aboab, schrieb am 28. Juli wundervolle Verse nieder, die in freier Uebertragung lauten: Unsere Seele hofft auf den Felsen des Heils. Der Mensch ward gebildet aus formloser Erde, Wird wieder zu Erde am Ziel seiner Taten. Kehrten wir auch zum Bilde zurück, Davon wir das Gleichnis, davon wir Gestalt! Denn unser ist Gott, er möge uns helfen. Wir werden zu Männern und welken dahin. Knochen und Schädel im Dunkel vergraben, Die gestern noch stritten mit tapferer Hand, Um Alltag sich mühten, um Kleidung und Brot. Doch Gottes ist alles, gesegnet sei er, unser Heil, Der alles Wunder erschaffen, er sei uns gnädig! Wenige Tage später, am 31. Juli, schrieb 'der in der Stadt Venedig weilende Rabbiner Jacob ben David Pardo aus Ragusa, der Verfasser wertvoller wissenschaftlicher Schriften und Kommentare, den Spruch nieder: „Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, finden mich." Ferner: „Wie sich im Wasser Angesicht dem Angesichte spiegelt, spiegelt des Menschen Herz den Menschen." Endlich, im Herbst des gleichen Jahres, das interessanteste Blatt dieses Stammbuches, die Worte des Dichters und Sprachforschers Simcha ben Abraham Calimani. Er schrieb: „Als er das Antlitz seines Freundes sah, sprach der Bruder: „Ein wahrer Freund ist anhänglicher als ein Bruder." So hat das Antlitz in mir Freude erzeugt und Kummer und Leid weichen von mir. Dies sind die Worte des Simcha, Deines treuen Freundes aus der Familie Calimani". Als der gelehrte Rabbiner diese Worte niederschrieb, hatte er sein 82. Jahr erreicht und konnte mit Genugtuung die Frucht eines reichen und tätigen Lebens, zahlreiche Schriften gramma- 268

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.