Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Hebraica aus Stammbüchern des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 267 (sequence 5)
- Language
- German
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Miszellen Heimreise suchte er in Kassel den Mineralogen und Altertumsforscher Rudolf Erich Raspe, den Herausgeber des Münchhausen auf, der sich damals gerade angelegentlich damit beschäftigte, aus den ihm anvertrauten Kunst- und Münzensammlungen wertvolle Stücke zu entwenden; denn kurz darauf mußte er aus diesem Grunde die Gegend fluchtartig verlassen. Wieder im Braunschweigischen angelangt, besuchte Giseke am 5. September 1774 in Wolfenbüttel den dortigen Bibliothekar Gotthold Ephraim Lessing und erhielt von ihm den charakteristischen Sinnspruch Menanders aus dem Florilegium des Stobbäus „Nur die Weisheit ist der Tugenden Hort". Sechs Monate später schrieb sich in Braunschweig auch Lessings erbittertster Gegner, sein ehemaliger Freund, der Hamburger Hauptpastor an der Katharinenkirche, Johann Melchior Goeze, mit den Worten ein: „caduca valete aeterna sequamur." Im Jahre 1775 teilt der Eintrag des Geistlichen G. Meier mit, daß Giseke der Schwiegersohn des Schöninger Generalsuperintendenten und Pastor Primarius an der dortigen St. Vinzenzkirche war. Dies ist für lange Zeit die letzte Inschrift des Buches und erst im Jahre 1787, am 29. Juni, wird es nochmals benutzt. In Helmstedt schreibt sich der gelehrte Sonderling, der Professor der Medizin, Chemie, Arzneikunde, Chirurgie, Physik, Botanik und Naturgeschichte, Gottfried Christopher Beireis mit einer Sentenz aus Seneca ein. Beireis, der nicht weniger als 17 verschiedene Sammlungen von Gegenständen der Kunst- und Wissenschaft, eine Gemäldegalerie und ein Münzkabinett besaß, war einer der hervorragendsten Schüler des Chirurgen Heister. Als letzten Eintrag weist das Gisekesche Stammbuch an jenem selben Tage die Worte des verdienten Helmstedter Bürgermeisters Christoph Mathias Seidel, des Sohnes des Theologen Seidel, auf, um so mit dem gleichen Familiennamen abzuschließen, mit dem es begann. Aehnliche Eintragungen, auch etwa aus den gleichen Jahren, enthält das Stammbuch des Studenten und späteren Zeulenrodaer Rektors Christoph Heinrich Meier aus Wernigerode. Das Buch wurde anläßlich seines Abschiedes von der Universität Halle angelegt und enthält zahlreiche der dortigen gelehrten Namen, die sich auch bei Giseke fanden. Daneben umfaßt es die Gruppe der sich um Gotthold August Francke, den Direktor des Waisenhauses scharenden Theologen, so Gottlieb Anastasius Freylinghausen, den späteren Nachfolger Franckes, und seinen Mitdirektor Johann Georg Knapp, der wegen seiner Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und tiefen Frömmigkeit wie ein Heiliger verehrt wurde. Die in diesem Zusammenhange gewichtigste Eintragung ist jene des Orientalisten Oluf Gerhard T y c h s e n. Das bis auf den Namen ganz in hebräischer Schrift gegebene Blatt lautet: „Die Gerechten bestehen." Es ist datiert vom 21. März 1759. Tychsen, der bereits als Gymnasiast das Hebräische erlernt hatte, war damals als Student der Theologie durch seine ausgezeichneten hebräischen Referate seinem Professor, dem Theologen Callenberg, aufgefallen. Dieser gewann den begabten Schüler zum Mitarbeiter an seinem Institut zur Bekehrung der Juden, und gerade in den letzten Märztagen des Jahres 1759 wurde die erste Missionsreise, die Tychsen gemeinsam mit Johann Peter Roeper, dem nachmaligen Doberaner Gemeindevorsteher, unternahm, geplant, jene Reise, die vom 8. Mai 1759 bis 31. Januar 1760 dauerte und von Halle über Hamburg und Altona bis nach Kopenhagen führte, die aber trotz der rhetorischen Begabung beider Missionare völlig erfolglos blieb; denn es wurde kein einziger Jude bekehrt. In das Meiersche Stammbuch trug sich wenige Tage nach Tychsen, am 24. März, auch Roeper ein, der ebenfalls in hebräischer Sprache die Bibelworte niederschrieb: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und aus dem Staube wird er auferstehen/* Näheres Eingehen auf das Meiersche Buch erübrigt sich, da die gelehrte Umwelt seiner Studienzeit ungefähr der des jungen Giseke entspricht, die übrigen Blätter aber, so interessant sie durch ihre Einzeichner, zahlreiche Fürsten Reuß und Grafen Stolberg auch sein mögen, für das Judentum bedeutungslos sind. 267