Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 253

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 4
Article
Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation
Date
1931-01-01
Page
Seite 253 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2259275-2259288-2259292-2261218--3625-2261273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rosy Bodenheimer. Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen sicherlich in ihren Lehensbriefen nicht gesondert angeführt, sonst wäre dieser Passus unfehlbar an dieser Stelle zitiert worden. Die Ganerben hatten aber richtig erkannt, daß es in jenen ganzen Komplex von ehemaligen Reichslehen und Freiheiten hineingehörte. Eine Erinnerung an ihre stolze Vorzeit hatte sich auch bei der Familie von Nordeck zur Rabenau erhalten, die sich noch im 18. Jahrhundert „Hochwohlgeborene Reichsfrey-Herrn" und „Reichsfreyherrliche Gnaden" titulieren lassen, obwohl sie schon seit Jahrhunderten hessische Landsassen waren10). Die anderen Familien, die ebenfalls Juden aufnahmen, aber niemals reichsunmittelbar gewesen sind, hielten wohl in Zeiten, in denen die Herkunft dieses Rechtes nicht mehr bekannt war, das Judenregal für ein Recht der hessischen Ritterschaft überhaupt und rezipierten ohne große Umstände analog ihren nunmehrigen Standesgenossen. Von diesem Rechte haben sie denn auch so ausgiebigen Gebrauch gemacht, daß die sog. „adeligen" Juden einen wesentlichen Teil der oberhessischen Judenschaft ausmachten. Die Rezeptionsgewohnheiten dieser adeligen Gerichtsherren, die in den meisten Fällen weit mehr Juden aufnahmen, als sich in ihren zwerghaften Gerichtsgebieten ernähren konnten, auch vielfach Juden rezipierten, die anderwärts wegen ihrer Armut schon abgewiesen worden waren11), blieben nicht ohne Einfluß auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der oberhessischen Judenschaft überhaupt. Unsere frühesten Beweise jüdischer Ansiedlung im Gebiete der heutigen Provinz Oberhessen reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück. Sie sind nicht zahlreich und mehr oder weniger durch Zufälle der Quellenerhaltung bedingt. In den erzählenden Quellen der Zeit werden Juden für diese Gegend nicht erwähnt, doch haben wir in den Urkunden frühe Beweise für ihr Vorhandensein. Eine gewisse Ergänzung erfahren die deutschen Quellen durch die hebräischen Memorbücher der Juden12). Kritik und Kombination beider Quellenreihen führt zu folgender Betrachtung: Am frühesten treten in unserem Gebiete die Juden in der Wetterau auf. Dort finden wir sie bereits im 12. Jahrhundert. Der Vogelsberg, 10) Es kam auch vor, daß ein Patrimonialgerichtsbezirk den Besitzer wechselte. Der erste Besitzer hatte rechtmäßigerweise das Judenregal, der Nachfolger übernahm mit dem Gerichtsbezirk auch das Recht der Judenaufnalime, wenn es auch seiner Familie bis dahin nicht zustand. Das Dorf Bisses gehörte noch 1625 den privilegierten Familien von Schenck zu SchweinsbeTg, von Buseck und von Riedesel. Die Familie von Nagel, die das Dorf übernahm, hatte von Haus aus kein Judenregal, trat aber nun in die Rechte ihrer Vorgänger ein. ™) Hess. Staatsarch. XI, 1. Konv. 9, fol. 7. 12) Es war Sitte, in den Synagogen an gewissen Sabbaten und Feiertagen der großen geistigen Führer und der Märtyrer des Judentums zu gedenken. Zu diesem Zwecke hatte man besondere Verzeichnisse der Toten der eigenen Gemeinde angelegt. Ihnen folgte fast überall eine Aufzählung derjenigen Orte und Länder, in denen Verfolgungen stattgefunden haben. Vgl. die Einleitung in S. Salfeld, Das Martyrologium des Nürnberger Memorbuchs, Berlin 1898. 253

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.