Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die deutschen Bischöfe und die Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 9)
- Language
- German
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Sara Schiffmann. Die deutschen Bischöfe und die Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges ihn mit seinen Leidensgenossen; er scheute starke Farben und Bilder nicht, weil er den Leser alle Leiden der Juden nochmals miterleben lassen wollte. Wie lassen sich die hervorgehobenen Tatsachen über Ruthard deuten, und was läßt sich aus ihnen folgern? Die aktive Hilfe des Bischofs war durch finanzielle Leistung zu gewinnen. Es war nicht ohne weiteres klar, ob der Bischof als Stadtherr die Juden schützen würde. Erst auf die Bitte der Juden, die durch 300 Silberstücke verstärkt wurde, blieb er in der Stadt zurück, um ihnen beizustehen. Das alles zeigt die unsichere rechtliche Lage der Juden. Es scheint, daß sie nur von der Gunst des jeweiligen Stadtherren abhing. So hören wir, daß schon im 10. und 11. Jahrhundert die Gemeinde nahe an der Auflösung war: einmal zur Zeit des Erzbischofs Friedrich (936—952) 2S), ein anderes Mal im Jahre 101229). An einer anderen Stelle haben wir die Vermutung ausgesprochen, daß die Juden in den Bischofsstädten zum Machtbereich des Bischofs gehörten. Dies scheint sich durch die obigen Tatsachen auch für Mainz zu bestätigen, wonach es in das Belieben des Erzbischofs gestellt war, die Juden in der Stadt wohnen zu lassen oder sie zu vertreiben. Ob die Mainzer Gemeinde zu unserer Zeit ihre rechtlichen Beziehungen zum Erzbischof geregelt hatte, wissen wir nicht — das erste direkte Zeugnis, das wir darüber besitzen, stammt aus dem Jahre 120930) —, doch die Tatsache, daß die Gemeinde im Jahre 1096 als rechtliche Einheit mit Parnas, Aeltesten und Gabbai31) auftritt, scheint dafür zu sprechen. Vielleicht weist auch der Umstand, daß die Mainzer Juden, die 1084 nach Speyer flüchteten, ihre Beziehungen zum Bischof rechtlich fixierten, auf ein Mainzer Vorbild hin. Zu unserer Zeit waren jedenfalls die Beziehungen zwischen der Mainzer Gemeinde und dem Erzbischof günstig. So hören wir von den „in den Augen des Bischofs Angesehenen"; auch seine freundschaftlichen Beziehungen zum Vorsteher Kalonymos, über dessen Rettung er sich freute, sprechen für ein gutes Verhältnis. Ruthard war also wohl gewillt, die Juden zu retten, und hat, wie aus den hebräischen und lateinischen Berichten hervorgeht, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel zu ihrem Schutze angewandt. Daß er an dem Bestehen der großen jüdischen Gemeinde als solcher interessiert war, scheint sicher zu sein. Vermutlich sind dem Bischof durch den Wohlstand der Gemeinde viele Gelder zuflössen. Daß er ebenso willig wie Johannes von Speyer dem Königsbefehl nachzukommen bereit war, kann zwar nicht direkt bewiesen werden, doch entsprach sein Verhalten durchaus dem königlichen Befehl. Uebrigens fiel er erst 1098 von Heinrich IV. ab. Im Gegensatz zu Johannes ist für Ruthards Verhalten auch der eigene Vorteil mitbestimmend gewesen. Ruthard war zunächst ge- 28) Böhmer-Will, Regesten zu den Jahren 937—939. ») Aronius Nr. 144; H. Tykocinski, Philippson-Festschrift, S. 1 ff. 30) Aronius Nr. 379; die älteren indirekten Nachrichten s. auch bei Salfeld,. Philippson-Festschrift, S. 135 f. S1) Wahrscheinlich Steuereinnehmer. Vgl. Ben-Jehuda s.v. 241