Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die deutschen Bischöfe und die Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 8)
- Language
- German
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Sara Schiffmann. Die deutschen Bischöfe und die Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges Bitte hin Schutz, und dieser mußte noch besonders erkauft werden. Er sammelte seine Vasallen und Dienstleute26) zu ihrer Sicherheit und nahm die Juden in seinen Palast auf. Am entscheidenden Tage verzichtete er sogar auf seine Reise, blieb in der Stadt und ließ die Tore vor den Kreuzfahrern versperren. Dann hielt er im Dom eine Predigt zugunsten der Juden, wurde aber selbst bedroht und mußte fliehen. Im entscheidenden Moment also versagte seine Macht als Stadtherr und als Schutzherr der Juden. Die Bürger öffneten von sich aus den Kreuzfahrern das Tor; die Ministerialen flüchteten vor dem Andrang der Kreuzfahrer, zu denen sich auch eine Anzahl Bürger gesellt hatte, und gaben die Juden preis. Ruthard versuchte dann noch einmal, das Schutzversprechen zu erfüllen, indem er Kalonymos und seine Genossen, heimlich und durch 300 Bewaffnete bewacht, auf einem Schiff nach Rüdesheim bringen ließ. Doch auch hier war er nicht imstande, sein Versprechen zu halten. Wieder war die äußere Gewalt — das Drängen der Kreuzfahrer — stärker: Kalonymos und seine Gruppe erlagen der Blutgier der Dorfbewohner und Kreuzfahrer. Auch die lateinischen Quellen erwähnen Ruthards Rolle bei den Mainzer Ereignissen. „Damals war Bischof dieser Stadt Ruthard, in dessen Schutz und Schirm die Juden geflüchtet waren", sagen die Annales Patherbrunnenses. „Aber weder der Bischof noch seine Ritter, von denen damals eine Menge zugegen waren, konnten diese verteidigen oder den Jerusalemern entreißen, vielleicht, weil Christen nicht für Juden gegen Christen kämpfen wollten . . ." Diese Begründung des Chronisten ist beachtenswert, wir werden uns noch mit ihr auseinanderzusetzen haben. Auch der Bericht Alberts von Aachen27) ist von Bedeutung. Er bestätigt die im hebräischen Bericht mitgeteilte Tatsache, daß die Juden ihre Hoffnung auf den Bischof setzten und ihm ihr Leben und ihre Schätze anvertrauten, auch daß sie im Palast, wo ihnen ein geräumiger Saal angewiesen wurde, angegriffen und überfallen, „dem Ansturm von so vielen Tausenden Widerstand zu leisten versuchten". Doch weiß Albert nichts von der Flucht des Bischofs und seiner Ministerialen sowie von der Rolle der Bürger. Der jüdische Erzähler war offenbar besser über die Ereignisse unterrichtet, weil er ihnen besonders nahe stand und sich eifrig um ihre Ermittlung bemüht hatte. Tiefer Schmerz verband 2e) Manfred Stimming, Die Entstehung des weltlichen Territoriums des Erzbistums Mainz, Darmstadt 1915, S. 55: „In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bestand also bereits eine Dienstmannschaft [1090 „civis et serviens"] im Mainzer Erzbistum". S. 146: „Im 10. und 11. Jahrhundert beruhte die Machtstellung des Erzbischofs im wesentlichen auf Zahl und Bedeutung seiner Vasallen". 27) Recueil des historiens des croisades IV, S. 292 f. „Judaei vero civitatis hujus, intelligentes necem suorum confratrum, nec manus tantorum se posse evadere, ad episcopum Ruothardum spe salutis confugiunt, thesauros infinitos in custodiam et fidem illius reponentes, multum de protectione eius, quia civitatis ejusdem erat episcopus, confidentes. Hie autem summus sacerdos civitatis pecuniam inauditam ab eis reeeptam caiite reposuit". 240