Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Zur Soziographie und Soziologie der Juden [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 3)
- Language
- German
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Literatur in ihrer rassenmäßigen Eigenart untersucht. Die beigegebenen Bilder (zum großen Teil nach eigenen Aufnahmen) illustrieren die Darstellung vortrefflich und lassen die von Ruppin unterschiedenen Typen zumeist recht gut erkennen. Alles in allem scheint mir die anthropologische Darstellung einwandfrei; aber auch der heikle Versuch über die „geistige Eigenart der Juden" im letzten Kapitel dieses Abschnittes ist in seiner kühlen Objektivität beachtenswert. Jedenfalls dürfte die seelische Eigenart der Juden in ihren Unterschieden von der der Nichtjuden kaum zutreffender erfaßt werden können, soweit rationalistische Wissenschaft das überhaupt vermag. Der eigentliche Querschnitt durch die sozialen Verhältnisse der Juden beginnt mit dem zweiten Abschnitt des Werkes, in dem wohl alles überhaupt erreichbare bevölkerungsstatistische Material verarbeitet worden ist. Hier finden wir — freilich nicht immer in der Aufeinanderfolge, die mir systematisch geboten erscheint — einen guten Ueberblick über die Entwicklung der Zahl der Juden von 70 n. Chr. bis zur Gegenwart, weiter nach einer kurzen Darstellung der Ausbreitung der Juden über die Erde bis zum Jahre 1800 eine genaue Schilderung der großen Wanderungen, die sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts über See, von Land zu Land wie innerhalb einzelner Staaten (als Binnenwanderungen) vollzogen haben und deren Ergebnis jene Verteilung der Juden auf Stadt und Land, auf Staaten, Kulturkreise und Sprachgebiete ist, die wir gegenwärtig vor uns haben und die in zwei Kapiteln tles Werkes übersichtlich wiedergegeben worden ist. Ferner werden die Statistik der Geburten und der Sterblichkeit (einschl. der Krankheits- und Todesursachenstatistik), die Geburtenüberschüsse und die Altersgliederung, die Eheschließungen und die Ehescheidungen, die Mischehen und die Judentaufen behandelt, und zwar in einer Vollständigkeit, die ihre Grenzen' nur hier und da an dem niedrigen Stande der Bevölkerungsstatistik in weniger fortgeschrittenen Ländern gefunden hat. Es ist unmöglich, in einer kurzen Besprechung eine Vorstellung von dem Reichtum der Darstellung zu geben, die sich übrigens niemals mit den dürren Zahlen begnügt, sondern sie mit Leben zu erfüllen und aus vielfältiger Beobachtung und reicher Anschauung ein farbiges Bild zu gestalten versucht. Deshalb werden in jedem Kapitel die Gegenwartsbilder nach Möglichkeit durch historische Uebersichten ergänzt, es werden die Judenschaften verschiedener Länder einander gegenübergestellt und stets auch die Verhältnisse in der umgebenden Bevölkerung zum Vergleich herangezogen, um auf diese Weise die Besonderheiten und Eigenarten der Juden herauszuheben und in das rechte Licht zu stellen. Den Abschluß des Ganzen bildet die Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden. Einer knappen Skizze der Wandlungen des Wirtschaftslebens in der Neuzeit und ihrer Rückwirkungen auf die wirtschaftliche Struktur der Juden folgt hier zunächst ein Gesamtüberblick über die Berufsgliederung und die Einkommensverhältnisse, der die Berufsgliederung der Juden in den einzelnen Ländern Europas gegenüberstellt und sie mit der der umgebenden christlichen Bevölkerung vergleicht, gesondert die Berufsgliederung der Juden in Amerika behandelt, sodann die soziale Stellung im Berufe, d.h. die Verteilung der Juden auf die Kategorien der Selbständigen, Angestellten und Arbeiter in einer Anzahl von Ländern schildert und endlich auch ein umfassendes Bild von den Einkommensverhältnissen der Juden, wiederum im Vergleich mit denen der Gesamtbevölkerung einzelner Länder, entwirft. Diesem großen Ueberblick folgen Einzeluntersuchungen über die Juden in der Landwirtschaft, in Handwerk und Industrie, im Handel sowie im öffentlichen Dienst und in den freien Berufen. Schon diese Anordnung, die dem Aufbau eines „normalen" sozialwirtschaftlichen Organismus entspricht, läßt die Besonderheiten der jüdischen Berufsgliederung deutlich erkennen; aber Ruppin läßt es sich auch im einzelnen angelegen sein, das Anormale an der Stellung der Juden innerhalb der heutigen Nationalwirtschaften herauszuarbeiten. Besonders dürfte hier die Schilderung der landwirtschaftlichen Ansiedlung der Juden in Osteuropa (Rußland, Polen, Litauen, Rumänien, Karpathorußland), in Amerika (Argentinien, Brasilien, Kanada, Vereinigte Staaten), in Australien sowie in Kleinasien und in Palästina interessieren, deren Erfolge 209