Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Zur Soziographie und Soziologie der Juden [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 4)
- Language
- German
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Literatur keineswegs allgemein bekannt sind. Gleiche Beachtung verdient die Darstellung der Lage von Handwerk und Heimindustrie in Osteuropa (Polen, Sowjetrußland, Rumänien), in den europäischen Einwanderungsländern und in den Vereinigten Staaten von Amerika, namentlich soweit sie die Entwicklungstendenzen aufzuzeigen versucht. Aber auch das Kapitel über den Handel enthält viel Neues, wie denn diese Schilderungen überhaupt geeignet sind, die üblichen Vorstellungen von der Wirtschaftstätigkeit der Juden, ihrer einseitigen Hinwendung zum Handel, ihrer Bevorzugung der kapitalistischen Tätigkeit auch in der Industrie und ihrer Abneigung gegen alle landwirtschaftliche Arbeit in wesentlichen Punkten zu korrigieren. Es ist ein großes Verdienst, das sich Ruppin gerade durch diesen Teil seiner Soziographie erworben hat, zumal die peinliche Objektivität der Darstellung seine Untersuchungen fast immer unanfechtbar erscheinen läßt. Das Werk von Ruppin, das nicht nur eine bedeutende kompilatorische Leistung darstellt, sondern auch als Schilderung sehr lesenswert ist, findet in einigen Punkten eine willkommene Ergänzung durch zwei gründliche kleinere Arbeiten von Jacob Lestschinsky und Michael Traub. Lestschinsky untersucht in einer Abhandlung, die leider nur als Sonderabdruck vorliegt, aber eine Veröffentlichung in Buchform verdient hätte, „Die Umsiedlung und Umschichtung des jüdischen Volkes im Laufe des letzten Jahrhunderts"2). Der erste Teil der Arbeit ist dem Wachstum und der Ausbreitung des jüdischen Gesamtvolkes im letzten Jahrhundert (1825—1925) gewidmet. Da für die erste Hälfte dieses Zeitraumes Volkszählungen in den meisten Ländern fast ganz fehlen, auch für die spätere Zeit nicht immer genaue Ziffern vorliegen und erst von 1900—1925 überall geordnete Zählungen durchgeführt worden sind, so hat Lestschinsky, um ein einigermaßen genaues Zahlenbild zu gewinnen, folgenden Weg eingeschlagen: er ist von der Gegenwart (1925) ausgegangen und hat retrospektiv unter Berücksichtigung des approximativen natürlichen Zuwachses und der approximativen Aus- und Einwanderung während der unterschiedenen Perioden in den einzelnen Ländern Schätzungszahlen für die Jahre 1825, 1850, 1880 und 1900 errechnet. Leider sind die methodischen Grundlagen dieser mühevollen Arbeit von ihm nicht mitgeteilt worden, so daß eine Nachprüfung unmöglich ist. Doch ist es ihm auf diese Weise gelungen, den an sich bekannten Wachstumsprozeß für die Gesamtheit des jüdischen Volkes nach Kontinenten und Ländern sowie die Ausbreitung und Neuverteilung der Juden über die Erde durch die Abwanderung großer Massen aus agrarisch-rückständigen nach industriell und kulturell hochentwickelten Ländern, aus Staaten mit slawischer Kulturvorherrschaft nach Staaten mit deutsch-englischer Kultur durch ein ganzes Jahrhundert hindurch zu verfolgen und einigermaßen genau zahlenmäßig zu belegen. Das Gleiche gilt für den Prozeß der Urbanisierung und der Konglomerierung, die bei den Juden nicht ohne weiteres zusammenfallen. Lestschinsky untersucht hier hauptsächlich die Zusammendrängung der Juden in den Großstädten1, aber auch den größeren, mittleren und kleineren Städten, er berechnet ferner die Anteile der Juden an der städtischen Bevölkerung und verfolgt schließlich im besonderen noch das Wachstum der großen jüdischen Gemeinden als solcher in Rußland, Polen, Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Der zweite Teil befaßt sich mit der Umschichtung des jüdischen Volkes, also den Aenderungen des sozialen Aufbaus. Es ist Lestschinsky gelungen, einiges ältere statistische Material über die Berufsgliederung der Juden in einigen Teilen Rußlands, in Gaüzien, in Posen, in Preußen und in Wien aus der Zeit von 1800 bis 1820 auszugraben, das er mit der heutigen Berufsgruppierung und Klassengliederung der erwerbstätigen jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung in den wichtigsten europäischen Ländern verglichen hat. Das Ergebnis ist interessant genug; denn es zeigt, daß die Juden 2) Jacob Lestschinsky, Die Umsiedlung und Umschichtung des jüdischen Volkes im Laufe des letzten Jahrhunderts, Weltwirtschaftliches Archiv XXX (1929 II), S. 123—156, XXXII (1930 II), S. 563—599 (Sonderabdruck). 210