Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Zur ostjüdischen Einwanderung in Preußen
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 9)
- Language
- German
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Salo Baron. Zur ostjüdischen Einwanderung in Preußen 6, daß ihre, in dem bei ihnen statt findenden Gebrauche der frühen Verheyratung sich gründende starke Population nicht ohne Grund fürchten lasse: — bei einer ihnen zu gestattenden unbedingten Freiheit sich hier anzusiedeln, würden ihrer (zur zehrenden Classe gehörig) bald so viele hier seyn, daß sie von der erwerbenden Classe nicht würden übertragen werden können. B. Insbesondere hat Memel Veranlassung zu wünschen, daß den Juden die Erlaubniß sich hier niederzulassen und in die Corporation der Kaufmannschaft zu treten nicht gewähret weide, weil es sich nach der Localität Memels beinahe mit Gewißheit annehmen läßt, diese Erlaubniß würde dahin führen, daß schon nach einigen Jahren mehr jüdische als christliche Kaufleute hier seyn, — daß späterhin die letztern von den erstem ganz verdrängt werden würden. Die benachbarten polnischen, iezt russischen Städtchen Pollungen, Crottingen, Garsden, Werzeiten, Plunjahn, Neustadt etc. etc. wimmeln voll Juden, von denen sehr viele die erste, sich ihnen darbietende Gelegenheit mit Vergnügen benuzen würden, ihre Heimath, in der sie ihrer Ueberzahl wegen die gewünschte Subsistenze nicht mehr finden, zu verlassen, und sie mit dem Lande Canaan, wofür sie Preußen halten, zu Vertauschen. Daß sie ihre Blicke hauptsächlich auf den hiesigen Ort werfen würden, leidet um so weniger einigen Zweifel, als sie mit diesem schon früher in täglicher Verbindung gestanden haben, und — hier angesiedelt — eine genaue Verbindung mit ihren, in ihrer Heimath zurückbleibenden Angehörigen würden unterhalten können, — welches fortfiele, oder wenigstens beschwerlicher werden würde, wenn sie einen von ihrer Heimath entferntem Ort zur Niederlassung wählten. Der bei weitem größeste Theil der hiesigen Handelsgeschäfte wird schon iezt mit Juden und durch Juden gemacht. Juden sind es, die den hauptsächlichsten Artikel des hiesigen Handels — das Holtz — zum Markte bringen, — welche dem hiesigen Orte auch die sonstigen Exportations- Gegenstände z. B. Getreide, Flachs, Hanf, Leinsaamen, Borsten etc. etc. entweder unmittelbar oder mittelbar zuführen. — Juden, — deren sich der hiesige Kaufmann in den mehresten Fällen bedienen muß, um seine Ankäufe zu machen. — Juden — an welche die seewärts hier eingehendenWaaren- Artikel abgesezt werden. — Juden endlich — (wenigstens größtenteils) — welche bei den Speditions-Geschäften entweder als Absender, oder als Empfänger auftreten. Der christliche Kaufmann lebt daher schon ietzt nur von demienigen, was ihm bei dem Handel mit den und durch die Juden übrig bleibt! — Was würde aus ihm werden, wenn diese Letztern seiner nicht mehr bedürften, um ihre Waaren abzusezen, oder um fremde Waaren zu beziehen? — Der wohlhabende russische Jude würde, wenn es blos von seiner Willkühr abhinge, Bürger und Kaufmann in Memel zu werden, seinen Schaffner in die Corporation der hiesigen Kaufmannschaft treten lassen, diesem seine Waaren einsenden, sie nur dann an christliche Kaufleute hiesigen Orts verkaufen lassen, wenn dies unter Bedingungen geschähe, bei denen dem Käufer nichts weiter als die Mühe und Gefahr der weitern Versendung übrig bliebe, sonst aber selbst damit — sey es auf Ordre oder für eigene Rechnung — nach dem Auslande gehen. — Der Jude, dessen sich bis iezt der hiesige Kaufmann bedient, um durch ihn seine Ankäufe machen zu lassen, würde fernerhin diese Ankäufe für seine eigene Rechnung machen, wenn die Conjunctur ihm günstig schiene. — Seinen Waaren-Bedarf aus dem Auslande würde er unmittelbar beziehen und selbst wenn er sich als bloßer Spediteur hier niederließe, würde er gewiß seyn können, daß ihm wegen seiner Religions-Verwandtschaft mit den Absendern der größeste Theil <ier hiesigen Speditions Geschäfte zu Theil werden würde. Und schlügen seine Speditionen oder sonstigen Unternehmungen auch würklich fehl, — was würde er, der seine Laufbahn als Memelscher Kaufmann ohne Vermögen, vielleicht wohl gar mit Schulden — blos sich stüzend auf den guten Glauben, daß seine Glaubensgenossen ihm schon forthelfen würden, 202