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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 182

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1931-01-01
Page
Seite 182 (sequence 3)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus zuteil geworden ist, mißverstanden zu werden und dadurch sich tief unglücklich zu fühlen. Luther hatte diese Mitgift nicht mitbekommen — das leuchtet ein auch ohne die psychoanalytischen Experimente der panegyrischen Biographen mit seiner sog. „freien Seele", und das Zusammentreffen dieser beiden polar verschiedenen Männer ist auf dem von der Zeit kolorierten Hintergrund nicht ohne Komik. Daß ein Mangel an Fähigkeit die Schuld an Böschensteins ahasverischer Existenz trug, ist nicht sehr wahrscheinlich; denn er war als Lehrer gesucht. Er wird Recht haben, wenn er 1523 selbst an seinen Bruder schreibt: „Wir müssen entgelten der Hebräischen hayligen sprach" 75). Neben den grammatischen und biblischen Studien gingen vor und nach Reuchlins Tod (I522) die Text-(Masora-) und Talmudstudien einher, die jenem zu seinem Bedauern unerreichbar geblieben waren76). Sie gehören insofern in den Rahmen dieser Darstellung, als durch sie die Entwicklung der Sprachwissenschaft gefördert worden ist. Die Schicksale von Talmud und Judentum waren eng verknüpft. Das ausgehende Mittelalter ist für das Talmudjudentum eine Zeit des Verfalls, der Gleichgewichtsstörung. Seine frühere Kraft hat beim scharfen Hinsehen etwas Erloschenes, etwas nicht von Innen heraus Glühendes, sondern von außen mit einem gemurmelten Sprüchlein darüber Geworfenes. Der Talmudismus ist durch keine Renaissance hindurchgegangen. Das Leben wurde beherrscht von einer fast zwangsläufigen Willenlosigkeit, dem Verfall entgegenzuarbeiten, stagnierte nur in unfruchtbaren Formeln — eine morose Angelegenheit. Man zehrte vom aufgesammelten geistigen Kapital, einer Art Rente, der Tradition. Gewiß hat dieses Traditionswesen seine Ursache in der geistigen Entwicklung der Juden, die eine wesentlich reflexive ist und der Aufgabe des „Studiums" (= „Talmud" „Midrasch") entgegenkommt. Es war die Eigentümlichkeit der ihnen von Natur innewohnenden geistigen Anlage, durch die sich Völker und Individuen ebenso scheiden wie durch den Grad der Fähigkeit, fremde Ideen sich zum Eigentum zu machen. Die weiteren Schicksale des Talmuds greifen in die Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft ein und berühren sich mit den geschichtlichen Vorgängen zur Zeit des Humanismus. Die im Mittelalter so überaus konfusen Ansichten über den Unterschied zwischen Judentum und Christentum führten dazu, daß der Talmud aus den entgegengesetztesten Gründen verurteilt wurde. Die Feinde — ihre Reihe eröffnet in unserer Darstellung P. Nigri — vergaßen, daß der Talmud ein Erzieher des jüdischen Volkes sein sollte77), daß er aber nicht das geringste zu tun hat mit den Mysterien des Christen- ™) Hummel I, S. 419. In Nördlingen (1524 u. 1535) erfreute sich sein Unterricht eines solchen Zulaufs — „darob man sich nit wenig verwundert" —, daß die andern „teutschen" Lehrer sich über die Konkurrenz beim Rat beschwerten. K. Kern, Neue Mitteilungen über J. Böschenstein (aus dem Nördlinger Stadtarchiv). Ztschr. f. Geschichte der Erziehg. u. des Unterr. V, 3 (1915). SS. 157, 160. 76) Deutsch, S. 9. 77) „Der Talmud ist von Juden für Juden geschaffen worden ohne Seitenblicke auf die Außenwelt." F. Perles, Jüdische Skizzen. Berlin 1912. S. 113. Diese Aufgabe entsprach ganz der „nationalen Bedingtheit der jüd. Religion". W. Bousset, Die Religion des Judentums i. neutest. Zeitalter. Berlin 1903. S. 195. 182

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