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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 181

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1931-01-01
Page
Seite 181 (sequence 2)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Erläuterung der richtigen Betonung dienen sollten. Auch El. Levitas kritische Arbeit im Mas. Hammas. (s. u. A. 90) diente ausschließlich der Lehre de accentibus. — Böschensteins hebräische Grammatik 69) nimmt einige Rücksicht auf Nomen und Verbum, zeigt sonst aber ebenso jene eigentümliche Verbindung? praktischer und theoretischer Lehrmethode. Man fragt sich, auf welche Weise der Verfasser, der im selben Jahr sein Lehramt in Wittenberg antrat, seine Vorlesungen ausgefüllt hat. Böschensteins Leben trägt die typischen Züge des Wanderlebens jener reisenden Hebraisten. Bezeichnend für die Oberflächlichkeit solcher Lehrer ist sein Anerbieten, „jeden in 7 Tagen zu lehren, hebräisch-teutsch schreiben und lesen"T0). Solches Plakatieren des Wissens (in 8 Tagen Englisch!) ist immer ein Bild der Zeitstimmung. Er stammte aus Eßlingen, nach seiner eigenen Angabe von christlichen Eltern. Diesem Zeugnis, das er sich in einem Schreiben „Ain diemietige Versprechung usw." an seinen Bruder Andreas Osiander, •Prediger zu Nürnberg, gibt71), wurde von den Christen widersprochen. Luther, der seine Kenntnisse schätzte, nennt ihn in einem Brief an seinen Ordensgenossen und Mitreformator der Universität Erfurt Joh. Lang (1519) einen „Erzjuden", in einem Brief an Spalatin aus demselben Jahr schreibt Luther „Hebraicas literas Philippus noster tractat, ut maiore fide ita et maiore fructu quam Johannes ille (Böschenstein) 6 d-03-dtr4<;" 72). Die Frage ist wohl nicht zu klären73). Er war eine problematische Natur, desorientiert im Leben, halb Gelehrter, halb Charlatan, halb aus Passion und halb aus Talent, und verstand es meisterhaft, sich unbeliebt zu machen. Nach und nach verkrachte er sich mit allen* Der Menschenfreund, der er war, wird menschenscheu und schließlich menschenfeindlich. Allerdings stand er zwischen zwei Welten, lebte unter dem Druck zweier Atmosphären, in der Gereiztheit eines halbierten Zustandes. Die Christen verdächtigten ihn seiner Studien halber, sodaß er selbst in seiner Vaterstadt sich nicht behaupten konnte; die Juden haßten ihn, weil er — wie er selbst sagt — ihre Sprache lernte und verbreitete 74). So zog er von Eßlingen nach Augsburg, Ingolstadt, Wittenberg, wieder nach Augsburg, nach Heidelberg, Antwerpen, Basel, Nördlingen, Zürich, Nürnberg. Auf jeder Etappe dieser Odyssee fristete er, ähnlich dem Adrianus, vorübergehend sein Leben. Eine Abenteurernatur, ein Mensch von unverwüstlicher Aktivität, ein faustischer Mensch. Man kann sich hingezogen fühlen zu solchen Naturen, denen offenbar von ihrem Ursprung an die Mitgift 69) Hebraicae grammaticae institutiones studiosis S. linguae a Johanne Boschenstein collectae.. opera Ph. Melanchthonis editae. 4°. 16 Bl. Wittenberg bei J. Grunenberg. 1518. S. u. Anm. 100. 70) Bauch, S. 83. 71) Hummel I, S. 415 f. Geiger, Studium, S. 49. Bauch, S. 159. 72) De Wette I, S. 254 (Brief vom 13. April 1519, zugleich mit Uebersendung von Anshelms Kimchi-Ausgabe): „ille noster Bossenstein, nomine Christianus, re vera Judaissimus, ad nostrae universitatis ignominiam recessit". dzoc-d~7j<; „Ausreißer" (Bauch, S. 221), „Apostata, weil er zur röm. Kirche übertrat, nicht als Exjude" (Gesenius, S. 109). Hummel (I, S. 421) und Strobel (III. 2, S. 51, auch in seiner Ausgabe des Camerarius, S. 70 Anm.) überliefern das unverständliche ä-OGä-ir^. 7S) Steinschneider, S. 23: „höchstwahrscheinlich Exjude"; Perles, S. 27: „ein getaufter, allerdings sehr unwissender Jude". 7*) Böschenstein, BI. 12 a: „Judaeis quia eorum literas discebam, Christianis quia cum Judaeis conversabar, odio maximo eram". J. H. Hottinger, Thesaurus philol. Tiguri 1649. Bl. 3 a. 181

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