Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 1)
- Language
- German
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Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus (Fortsetzung) yon OttO Klllge Ganz in Reuchlins Spur trat bei Ausübung seiner Lehrtätigkeit in Augsburg wie bei Abfassung seiner grammatischen Schriften Johann Böschenstein (1472—1540). Seiner Abhängigkeit von dem Meister hat er durch viele ehrende Bezeichnungen Worte gegeben, er nennt ihn patronus et iudex, redet ihn in der Widmung seines Elementale introductorium an als weisesten Lehrer, dem er nur eine „vicissitudo beneficiorum" überreiche63). Seine literarischen Verdienste um die Sprache sind die unten genannten beiden Schriften, von denen mir nur die erste zugänglich war. Das Elemenr tale introductorium64), von Böschenstein als Vorstufe zu Reuchlins größerem Werk bestimmt, hat ganz den Charakter der damaligen Lesefibeln. Die Bogenzeichen gehen von links nach rechts; trotzdem ist das Buch links zu Ende. Es schließt mit der Anweisung an den Leser: „Hic lingua triplici loquens libellus... a dextro graditur pede ad sinistrum" (wie bei Reuchlin, s. o. Teil I, S. 94, und Widmanstadt, s. Teil III, Anm. 89). Die Titelseite enthält die Ueberschrift des Buches niTiK nrsns ntr?265) in rabbinischer Schrift und eine lateinische Inhaltsübersicht. In der Reuchlin gewidmeten Vorrede spricht Böschenstein von seinen Mühen und nennt seine Schüler, die ihn zur Abfassung aufforderten. Die Grammatik beginnt mit dem Alphabet in rabbinischer Schrift (Bl. 10 a), es folgen die Vokalbuchstaben, das Alphabet in Quadratschrift, „literae maiusculae" genannt (Bl. 9 a), die einfachen und zusammengesetzten Vokale, Ton- und Lesezeichen für die „Erfahrenen" unter Hinweis auf die weit größeren Verdienste Reuchlins. Nun beginnt der Leseteil Bl. 7 a mit dem Dekalog aus Exod. 20, es folgen Vaterunser, Ave Maria, apostolisches Glaubensbekenntnis, Lobgesang der Maria und Simeons und drei Gebete. Alles in drei Kolumnen hebräisch, lateinisch und deutsch. Die deutschen Uebersetzungen sind wie alle vor Luther jämmerlich; die hebräischen entnahm Böschenstein aus Adrians libellus hora66). An dieser Leselehre machen wir die typische Beobachtung, daß die Akzentlehre67) einen unverhältnismäßig großen Teil der Sprachunterweisung einnimmt. Uns erscheint das trivial gegenüber der allgemeinen Unwissenheit im eigentlich Sprachlichen. Damals erschien die Lautlehre so wichtig, daß man die Anweisungen zur Aussprache sogar mit Noten begleitete68), die allerdings nicht zum Singen, sondern zur 63) Böschenstein, Bl. 12 a Geiger, Briefwechsel, S. 215 (Augsburg, 2. Juni 1514). s. Abk. „höchst selten" Steinschn. No. 251. Geiger, Studium, S. 50 Anm. 2. 65) „Im Namen der 4 Zeichen". Zu verstehen aus der kabbalistischen Deutung des Namen Jahve. G. F. Moore, Notes on the Name mm. The American Journal of Theol. XII (1908), S. 34—52. 66) Schwab, S. 66: „traduit en partie par Jo. B. et extrait en partie des versions de Mathieu Adrian". Adrians aus 41/2 Bogen bestehendes Schriftchen „Libellus hora pro Domino", Tübingen, bei Anshelm 1513 (Steinschn. No. 15, fehlt bei Schwab) enthält Gebete, Pater noster, Ave Maria, Symbol. Apost. in eigener hebr. Uebersetzung, dazu die Aussprache des Hebräischen mit lateinischen Lettern interlinear wie bei Nigri. 67) Literatur zur Gesch. d. hebr. Akzente bei Kluge, Methodik, S. 4 A. 2. 68) So in S. Münsters „Institutiones Grammaticae in Hebr. linguam", Erstausgabe 1524. Probeseite bei Lüthi, S. 8. 180