Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Mesnerin von Enns
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 8)
- Language
- German
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Viktor Kurrein. Die Mesnerin von Enns dem Wasserwege, und Krauß glaubt, es handle sich um Linz oder Krems. Ich glaube nicht an Linz, sondern habe die Empfindung, daß es sich um einen Gefangenentransport aus der Provinz handelt, der bereits in Wien angekommen ist und von dort zu einem ungewissen Schicksal auf dem Wasserwege verurteilt ist. Bezeichnend ist es, daß die Torturen angewendet werden, um zu erfahren, wo der Jude sein Geld habe, nicht aber um auszufragen, was sie (die Juden) mit den Hostien gemacht haben. Die Hostienbeschuldigung ist erst zuletzt hinzugenommen worden, um die Stimmung gegen die Juden zu vervollständigen. Sagt ja das Urteil ausdrücklich, daß es sich um eine Angelegenheit „vor etlichen Jahren" handelt und daß die Mesnerin „vor Zeiten" bei der Pfarrkirchen gewesen ist Damit stimmt auch die Rückverlegung der Angelegenheit bis ins Jahr 1400 durch die Annalen. Ein letzter Bericht, der aus dem Jahre 1803 stammt, verlegt die Sache noch weiter zurück. Er ist den „biographischen und annalischen Denkmälern vom aufgehobenen Stifte Steyr-Garsten, gesammelt von einem Ordensprofeß daselbst" entnommen und stammt aus dem Stiftsarchiv Seitenstetten. Daselbst heißt es S. 82: „Anno 1236 Udalrich I Abt zu Garsten (1234—1240). Unter ihm hat sich auch beiläufig 1236 ereignet folgende sehr merkwürdige Geschichte. Das Eheweib des Mesners (von hier oder einem anderen nahen Orte, wird nicht beigesetzt), vom Geize veranlaßt, hat mehrere heilige Hostien diebisch entwendet und, um Geld zu bekommen, den Juden verkaufet. Da diese ihrem alten Hasse zufolge die Hostien zerstochen hätten, solle das grüne Tuch, worin die Hostien lagen, mit dem herausfließenden Blut befeuchtet, und selbes! den Juden wieder abgenommen worden sein. Der Abt hat es hernach den Heiligtümern seiner Stiftskirche beigestellet und von Ludovico, dem Cardinal Sti. Marcelli, die Erlaubnis erhalten, dieses Heiligtum auch zur öffentlichen Verehrung auszustellen. So viel erzählen die Annalen für diesen Ort. Allein, ebendiese Jahrbücher tun davon noch einmal Meldung weiter unten und geben ziemlich wahrscheinlich an, daß dies alles sich erst 1400 unter dem Regimente des Abtes Florian zugetragen habe, und daß darüber sowohl die aus Geiz handelnde Mesnerin zu Steyr, als auch die gotteslästerlichen Juden zur verdienten Todesstrafe sind gezogen worden, und seitdem ihnen allda kein längerer Aufenthalt mehr gestattet werde. So lese ich in den deutschen* Annalen des hierin gar nicht verdächtigen Steyerischen Herrn Prevenhuber, der in der ersten Hälfte des 17. christl. Jahrhunderts gelebet und geschrieben hat, daß er selbst auch noch zu seiner Zeit im obigen grünen Tüchlein rote Flecken gar wohl bemerkt habe. Der Abt Anton Spindler hat 1639 zwei altarförmige Reliquiarien, überzogen mit vergoldeten Silberplättchen und besetzt mit ordinär - Glassteinen, dazu verfertigen lassen, in welchen nun obiges seidene Tüchlein, wahrscheinlich ein gewesenes Halstüchel — der lateinische Annalist nennt es velum Subdiaconi — in rundscheibige 16 Teile zerschnitten und in Kreuzform gefaßter (Teile), bis auf jetzt noch aufbewahret, verehrt, auf den Altären ausgestellet, und jedoch der Farbe nach sehr abgeschossener zu Garsten gesehen wird." Würde der Bericht des Garstener Annalisten richtig sein, so müßte bereits 1236 eine Hostienschändung durch Juden stattgefunden haben. Bringen wir die Reihe der geschichtlich bekannten Hostienanklagen9) in Verbindung mit den Berichten der Geschichte, so muß man sagen, daß die Juden irrsinnig gewesen sein müßten, wenn sie sich durch 9) Vgl. die Liste Jew. Enc. VI, S. 483, und Enc. Jud. II, S. 982—986. 178