Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Mesnerin von Enns
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 9)
- Language
- German
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Viktor Kurrein. Die Mesnerin von Erms eigene Schuld immer wieder ihrem Verderben preisgegeben hätten. So wenig als die Juden je Ritualmord begangen haben, haben sie Hostienschändung getrieben. Wenn man daher, wie in der „Wiener Geserah", sie der Unterstützung der Hussitenbewegung durch Lieferung von Kriegsmaterial zum Schaden des Herzogs bezichtigte, um die grausame Verfolgung zu begründen, so mag das für einen Fall schließlich eine leidliche Erklärung abgeben. Aber in der Frage der Hostienschändung kommt ein sicherer Zweck, etwa ein Dogma der katholischen Kirche zu schänden, für die Juden nicht in Betracht Lediglich Bosheit, welche schändet, was anderen heilig ist, hätte sie leiten können, wäre aber mit dem, was die Juden in ihrer Gesamtheit wegen des Hostienfrevels leiden mußten, zu teuer und zu schwer bezahlt. Hingegen kann Hostienschändung dort einen Sinn und Zweck haben, wo das Dogma prinzipiell und mit Absicht bekämpft und! verhöhnt wird, was bei den Juden nicht geschah, wohl aber bei den zahlreichen Sekten des Christentums, die seit dem 11. Jahrhundert schon gegen das Abendmahl Stellung nahmen10). Diese hatten genug Verständnis, um die Kränkung des Christentums durch eine Verunehrung der Hostie zu begreifen. Kamen sie nun in Gefahr, entdeckt zu werden, so haben sie den Verdacht von sich abgelenkt und den Geistlichen das Märchen von den Juden, die Hostien schänden, zugetragen. Die Kirche wiederum hat diese Gelegenheit bereitwillig aufgegriffen, um für ihre gefährdete Sakramentslehre Propaganda zu machen, die dann die Juden mit Leib und Leben, Hab und Gut bezahlen mußten. Man vergleiche den Weg der Sektenbewegung mit dem Weg, den die Hostienanklage genommen hat! Schon der oben zitierte Seitenstettner Annalist macht in seinem Werke (S. 105) die vielsagende Bemerkung: „In den eben erst besagten Jahren 1400 sollen sich zuerst zu Steyr zugetragen haben die gottlose Schändung der heiligen Hostien durch der Juden Hände, wovon ich oben S. 82 schon Meldung machte. Und nicht minder haben auch die Waldenser Unfug getrieben11)." Die jüdische Gemeinde Enns ist seit dem Jahre 1420 verschwunden. Die Mesnerin von Enns war wohl am wenigsten schuld daran, die wahren Schuldigen haben sich am Brande gewärmt, den sie entzündet hatten. Von Enns selbst hören wir weiter nichts mehr, soweit es Juden angeht; nur im Jahre 1636 beschwert sich Wolf Eder, Bürger zu Enns, über zwei Juden, welche Gewandausschnitt betreiben. Ein stadtgerichtlicher Bericht geht an die Landeshauptmannschaft, daß „aus beschochener Beschwör Wolffen Eders, Bürgers zu Enns, zwaien Juden uneracht dero vorgezaigt jedoch nur auf Mähren erworbenen kays. Privilegii der Gewandtausschnitt nach der Ellen gemäß vorigen landesfürstl. Freyheit eingestellt worden" (Sint, III, S. 456, Nr. 5). 10) Ueber Hostienschändung durch Hussiten vgl. Klein, a.a.O., S. 116. 1X) Eine Ketzerinquisition wurde 1396 in Steyr durchgeführt Vgl. Kurz, Albrecht IV., S. 163ff., und Klein, a.a.O., S. 42. T 179