Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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den Juden in Böhmen und Mähren für sich in Anspruch genommen wurde" (S. 8). Diese, wenn ich nicht irre, auf Dudik zurückgehende Vermutung hat auch nicht einen Schimmer von Wahrscheinlichkeit für sich. Wozu also es erst erwähnen? Oder was soll man zu dem Satze sagen: „Die Austreibung der Juden aus den wichtigsten Städten Mährens, die Vernichtung der dort blühenden Gemeinden bilden ein sehr trauriges Vorspiel zu der 38 Jahre später am 2. August 1492 erfolgten Vertreibung der Juden aus Spanien" (S. 10)? Der Aufsatz enthält verschiedene Ungenauigkeiten, z. B. „In der Flugschrift ,Megillat Afah' (nicht Eba) schildert er (Jomtow Lipmann Heller) den Verlauf des Verwüstungszuges der Kosaken (1648—49), der jedoch erst 1658 endete" '(S- 13). Erstens lautet der Titel der Schrift na-K n^Jö (Rolle der Feindschaft), zweitens enthält sie mindestens eine ebenso wichtige Schilderung der böhmischen und österreichischen Zustände wie der Kosakenverfolgungen. Ein anderes Beispiel. Die Verfolgungen unter Maria Theresia haben in hohem Maße ihre Ursache in wirtschaftlichen Gegensätzen, von denen kein Wort erwähnt wird, wie überhaupt die wirtschaftlichen Verhältnisse, die doch auch in die Darstellung der „äußeren" Geschichte der Juden unbedingt hineingehören, auffallend stiefmütterlich behandelt sind. Auf zahlreiche andere Belege für schiefe Auffassung und Irrtümer sei aus Raummangel verzichtet. Es ist besonders bedauerlich, daß dieser Artikel, der in dem Werke einen besonderen Rang hätte einnehmen müssen, so wenig glücklich ausgefallen ist. Die weiteren Aufsätze des ersten Teils — „Die ältesten Grabsteine in Mähren" von Ludwig L e v y „Die Tekkanoth (Statuten) der Gemeinde Gaya" von Heinrich F 1 e s c h , „Die mährische Landesrabbiner" von Alferd Willmann nebst Anmerkungen von Heinrich Flesch, „Die mährische Judengasse in vormärzlicher Zeit" von Max Hrdlitschka, „Der mährisch-jüdische Landesmassafond" von Hugo Meißner, „Der Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Mähren" von Alois Hilf, „Das Eibenschitzer Buch der Tempelsitze von Rudolf T r p i k und „Wiener jüdische Familien aus Mähren" von Max G r u n w a 1 d sind sämtlich sehr lesenswert. In dem Aufsatze über die Judengasse hätte man eine stärkere Hervorhebung des für Mähren Charakteristischen auf Kosten des Allgemeingültigen gewünscht. Besonders bedauerlich ist das Fehlen eines zusammenfassenden Aufsatzes über das feistige Schaffen und die inneren trömungen in der mährischen Judenheit. In einem solchen Aufsatz hätten z. B. der Sabbatianjsmus und die österreichische Periode des Frankismus die ganz flüchtig und ohne Kenntnis der neuesten Forschungen behandelt werden, eine ausführliche Darstellung erfahren müssen. Das wäre deshalb wichtig gewesen, weil die Brünner Periode des Frankismus noch recht dunkel und unerforscht ist. Gibt es wirklich in dem Brünner und Wiener Archiv kein Material darüber? Anstatt solchen und anderen bedeutungsvollen Ereignissen und Problemen, z. B. einer erschöpfenden Darstellung der „politischen Judengemeinden" Mährens, Raum zu gewähren, ist das Familiengeschichtliche, man möchte fast sagen, das Familiäre weit über das für ein ernstes Werk zulässige Maß hinaus bevorzugt. Schon im Anhang zu dem erwähnten Artikel Grunwalds werden ausführliche Mitteilungen über Familien von einem ihrer Angehörigen oder autobiographische Notizen veröffentlicht, die — und das ist das Sonderbare — z. T. an anderen Stellen in fast ebenso behaglicher Breite wiederkehren. Dieser Regiefehler des Nichtunterscheidens zwischen Wichtigem und Belanglosem tritt auch im zweiten Teil, der die Geschichte der einzelnen Gemeinden «in alphabetischer Reihenfolge enthält, in die Erscheinung. Es ist hier unmöglich, in ausführlicher Weise diese Monographien zu würdigen. Jede von ihnen enthält beachtliches, z. T. ganz neues Material, doch bis auf einige Beiträge von Gelehrten wie Wachstein und anderen herrscht doch der Dilettantismus vor, der weder Methode noch historische Kritik bei der Benutzung der Quellen kennt. Besonders auffällig und m. E. nicht in den Rahmen des Ganzen passend ist das Ueb ermaß an Mitteilungen über das oft höchst belanglose Wirken von Einzelpersönlichkeiten. Ganz unver- 143