Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Moses Mendelssohns Witwe in Neustrelitz
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 3)
- Language
- German
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Am 6. September 1785 berichtet er an Herz Homberg nach Triest, daß er seine Tochter Reikel (Rahel, Recha) dem Mendel, dem Sohne des Nathan Meyer in Strelitz, versprochen habe. In ihrer Nachschrift zu diesem Briefe schreibt die Braut: „Wir kommen nach Neustrelitz, einem Orte, der ziemlich hübsch, obgleich gar nicht in. Vergleich mit Berlin zu setzen ist"13). Die Hochzeit hat jedenfalls erst nach Mendelssohns Tode stattgefunden, und die Ehe ist nicht schon zu seinen Lebzeiten geschieden worden, wie behauptet wird (M. Stern, a. a. O.) Denn Nathan Meyer erbittet erst am 28. April 1785 für seine beiden ältesten Kinder, seinen Sohn Mendel und den Bräutigam seiner ältesten Tochter, Michel Joseph Fränckel aus Berlin, einen Schutzbrief für Strelitz. Derselbe ist vom 11. Mai 1786 ausgestellt. Fränkel hat sich wohl nicht in Strelitz niedergelassen oder sich nur kurze Zeit dort aufgehalten. Denn 1790 treffen wir ihn in Berlin, wo seine Frau mit Brendel Veit (geb.Mendelssohn, spätere Dorothea Schlegel) zeitweise freundschaftlichst verkehrt. Das erfahren wir aus einem Briefe15) Brendels an den Diplomaten Carl Gustav v. Brinckmann sich auswärts etabliert habe, Serenissimus keinen Kammeragenten auswärts gebrauchten, liefert er auf Verlangen sein Patent am 21. August 1798 von Altona aus, wo er „wie Tausend andere, um von den jetzigen Handlungs Conjunkturen zu profitiren, zu sein für gut finde" ab. Er dankt für den Genuß der ihm bisher gelieferten Tafelbrödchen und des Deputatholzes, die nun cessiren sollen, unterwirft sich aber dem Befehl, obschon er diese Gnade mit 200 Talern Gold bezahlt habe. Es wird am 28. August gemeldet, daß Nathan Meyer im neuesten Stück des Hamburger Korrespondenten öffentliche Anzeige gemacht, daß ihm sein Patent abgefordert worden sei. 13) Moses Mendelssohns Gesammelte Schriften, Leipzig 1844, V 685, S.685/6. 14) Hensel berichtet, daß auch Rechas Ehe keine glückliche war und aufgelöst wurde. Sie gründete eine Pensionsanstalt für junge Mädchen in Altona und lebte später in Berlin. 15) Veröffentlicht von Franz Deibel, Dorothea Schlegel als Schriftstellerin, Berlin 1905, S. 152 f. vom 18. November 1790, der über die Stimmung der Strelitzer Angehörigen gegen das unerhörte Benehmen der beiden Frauen berichtet. Brendel hat sich am 1. November 1783 mit Simon Veit verheiratet. Damals hielt der Vater die Ehe mit dem „unvergleichlichen" Veit für glücklich. Aber mit der Zeit ändert sich das. Sie fühlt sich nach einigen Jahren durch ihre Bildungsinteressen 16), durch ästhetische und literarische Neigungen, durch ihren Verkehr mit bildungsdurstigen jungen Adligen und schöngeistigen Gelehrten von ihrer häuslichen Umgebung und ihren Verwandten abgesondert. Sie bezeichnet die Strelitzer als „platte Menschen", die nichts von den Sachen des feinern Gefühls verstehen, die keinen Begriff haben von dem, was ihr fehlt, um glücklich zu sein. Nun wirft sie Brinckmann vor, daß er bei seinem 14tägigen Aufenthalt als Gast der Verwandten in Strelitz, gegen den alten Meyer und gegen ihre Schwester Meyer von ihrer (Brendels und der Fränckel) unbequemen häuslichen Lage geschwätzt habe. Der Fränckel17) habe er mehr geschadet als ihr; denn sie werde nie einen Versuch machen, ihre Lage mit Hilfe ihrer Familie zu ändern. Was sie an ihrer Achtung verloren habe, könne sie durch fortgesetztes ruhiges Leben!, ohne Klage und mit anscheinender Munterkeit wieder gewinnen. Aber Nathan Meyer sei sehr darüber aufgebracht, daß seine Tochter sich einem Fremden anvertraut habe, der so indiskret ist, darüber zu sprechen. Seine Tochter hätte sich, so meint er, durch Brinckmann und Humboldt „Chimären im Kopfe setzen lassen, weswegen sie sich nun einbildet, mit ihrem braven soliden Mann nicht glücklich leben zu können". Beide hätten ihr durch Schmeicheleien den Kopf verdreht. So urteilt Meyer, so Rahel und so (unleserlich), die sehr wahrscheinlich alle auf der Idee brachte, Sie und Humboldt zerstörten durch Chimären das häusliche Deibel, a.a.O., S. 2. 17) Sophie (Fradel); ihre Ehe mit Fränckel wurde 1798 geschieden. Sie heiratete in zweiter Ehe H. Pobecheim (Nachlaßakten des Nathan Meyer im Stadtarchiv zu Altona). Nathan Meyer stirbt in Altona am 4. Februar 1814. 125