Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
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Julius Brutzkus. Oer Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev westlichen Tosaphisten geschrieben war, hinweisen56). Die eigentümlichen Bräuche der russischen Juden, die sich aus ihrem orientalischen Ursprung erklären lassen, gleichen sich infolge der Einwanderung aus dem Westen allmählich denen der Westjuden an. Im 11. und 12. Jahrhundert war Rußland im Westen viel mehr bekannt als Polen, und die russischen Juden werden öfter erwähnt als die polnischen. Im 13. Jahrhundert geht der Regensburger Handel mit Rußland auf Prag und Wien über. Die Bürger Wiens verstanden es, in den Jahren 1221 und 1244 das Verbot für den Transit von Waren nach Ungarn für auswärtige Kaufleute aus Padua und Regensburg zu erwirken, und konzentrierten dadurch den gesamten Handel mit den orientalischen Ländern bei sich57). Daraus erklärt sich auch der schnelle Aufstieg der Wiener jüdischen Gemeinde im 13. Jahrhundert; denn die Juden ließen sich immer an internationalen Handelsstraßen nieder. Die Tatareninvasion und die Einnahme Kievs im Jahre 1240 reduzierten den Handel des Westens mit Rußland stark, auch die Verbindung mit der Krim und dem Osten ward erschwert, jedoch nicht völlig unterbunden. Die in diesem Zusammenhange interessante Nachricht Piano Carpinis aus dem Jahre 1246, daß er in dem verwüsteten Kiev eine große Anzahl von Kaufleuten aus Deutschland und Italien getroffen habe, führten wir bereits an. Der jüdischspanische Kartograph Jehuda Kreskas teilt auf seiner berühmten katalanischen Landkarte des 14. Jahrhunderts mit, daß auch zu seiner Zeit Kaufleute aus dem Osten nach Lemberg kamen und Waren einführten58). Dennoch schrumpfen der Umfang dieses Handels und die Bedeutung Kievs seit der Besitzergreifung der südrussischen Steppen durch die Tataren immer mehr zusammen, und die ausschlaggebende Rolle im orientalischen Handel geht auf Italien über. In Venedig wird im 13. Jahrhundert der „fondaco dei Tedeschi" gegründet, und die Kaufleute aus Venedig, Ragusa und Genua tauchen in Ungarn und in Wien (erstmalig im Jahre 1244) auf59). Gegen Ende des 13. Jahrhunderts ist überhaupt infolge einer Reihe von Verboten der Anteil der Juden am internationalen Handel Deutschlands sehr bedeutend gesunken. Aber während der früheren Epoche bis auf die Zeit der Tatareninvasion hatte der Handel der Mainzer, Regensburger und Prager Juden mit Kiev und dem Orient einen sehr bedeutenden Umfang. Für die Mehrzahl der Forscher blieb dieser Zweig des jüdischen Handels — infolge der Unkenntnis der jüdischen Literatur — völlig unbekannt; so z. B. findet er in dem ausgezeichneten Werke von Georg Caro „Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter" gar keine Erwähnung. Auch Victor Heyd, der als die größte Autorität in den Fragen des Orienthandels Europas gilt, macht folgende Bemerkung: „Den Weg zu bestimmen, auf dem die Deutschen im Zeitalter der Kreuzzüge und noch später bis zum Ausgange der Kreuzzüge und noch später 56) Likutim mehatalmud ist 1124 in Rußland von R. Schmuel geschrieben worden und in zwei Handschriften erhalten geblieben, von denen sich die eine im Vatikan, die andere in Oxford befindet. 57) Tomas che k, Die Rechte und Freiheiten der Stadt Wien, S. 42—50. 68) Carte Catalane, ed. Buchon et Tostu. 59) V. Heyd, Lib. cit. T. II, p. 729. 109