Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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Julius Brutzkus. Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev lebte, ist anscheinend in den Zeiten der russischen und kumanischen Herrschaft verschwunden, und Petachja erwähnt nur Karäer in diesem Lande. Von den Juden in Prag, Polen und Rußland wird bei Petachja nichts erzählt; denn sie waren den westlichen Juden längst bekannt und daher kein Wunderding wie die Sektierer. Der weitere Weg Petachjas führte ihn nach Bagdad über einen nicht näher bestimmten türkischen Hafen, aller Wahrscheinlichkeit nach über Trapezunt und dann weiter über Nisibis und Mosul. Die Reise Petachjas bildete durchaus keine Ausnahme. Wir wissen aus anderen Quellen, daß die Kiever Juden in regem Verkehr mit Bagdad gestanden haben. So diente beispielsweise der Kiever Rabbiner Moses, der um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Kiev gelebt und vorher bei R. Tarn in Nordfrankreich studiert hatte, als Vermittler zwischen den westlichen Juden und dem Haupte der Bagdader Juden R. Samuel b. Ali, den er über verschiedene religiöse Fragen anging44). Auf demselben Wege über Rußland und Regensburg erhielt Moses Taku im 13. Jahrhundert aus Mesopotanien ein karäisches Buch. Wir sehen also, daß dieser Weg nach dem Osten bis zur Tatareninvasion erhalten bleibt, obwohl er von den westlichen Juden schon weniger benutzt wird als im 9. und 10. Jahrhundert. Dafür bleibt der Verkehr mit Kiev die ganze Zeit vor dem Tatareneinfall sehr rege. Die russischen Ausfuhrartikel waren Pelze, Häute und Wachs; in der älteren Epoche war der Hauptausfuhrartikel Sklaven. Benjamin aus Tudela im 12. Jahrhundert erklärt sogar den bei den Juden eingebürgerten Namen für die Slawen — Kenaan — damit, daß die Tschechen und Russen ihre Kinder als Sklaven verkauften. Bei R. Jehuda Hakohen, der in Mainz im 11. Jahrhundert lebte, wird Rußland infoige der Verbreitung des griechischen Glaubens das griechische Kenaan genannt45). Außer den russischen Waren lieferte Kiev dem Westen auch noch orientalische Gewürze und griechische Gewebe. Die jüdischen Kaufleute, denen der Seeweg oft verschlossen war, benutzten diesen russischen Weg zur Erreichung ihrer Handelsziele besonders stark. Ueber die christlichen Kaufleute, die nach Rußland reisten, wissen wir nur sehr wenig. Der Name eines einzigen Kaufmanns, der uns überliefert ist46), ist der eines Anhängers des Regensburger Klosters von St. Emmeram, Hartwik. Er spendete dem Kloster 18 Pfund Silber» die von Regensburger Kaufleuten ausgezahlt werden mußten Es ist aber zu bemerken, daß das Kloster von St. Emmeram der nächste Nachbar des jüdischen Viertels Regensburgs war und mit den Juden in regen Beziehungen stand, sodaß es nicht zu verwundern wäre, wenn ein Anhänger dieses Klosters vielleicht mit den Juden nach Kiev gekommen wäre. Im Anfang des 12. Jahrhunderts finden wir auch in Kiev den Mönch Mauritius, der für sein Kloster St. Jakob in Regensburg Spenden sammelte. Er kehrte mit einer Karawane von Kaufleuten (cum negociatoribus) nach Regensburg zurück47). Wir können dabei an den Ausdruck der alten deutschen Chroniken erinnern: „negociatores id est judaei et alii". 44) Die Nachrichten über R. Moses aus Kiev sind gesammelt bei S. Poznans k i ,,Die babylonischen Geonim des nachtalmudischen Zeitalters". «) Or Sarua, T. I, p. 196, § 694. 46) Pez, Thesaurus anecdot., T. I, p. 173. 47) C.Th. Gemeiner, Regensburger Chronik, Bd. I, Regensburg 1800, p.286. 107