Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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Julius Brutzkus. Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev russischen Herrschern bewacht und geschützt. In den Zeiten der Kriege zwischen den Arabern und Byzanz oder den Kreuzfahrern belebte sich der Handel mit Kiev sehr. Eine ausgezeichnete Schilderung dieser Reiseroute hat uns der Regensburger Jude Petachja im Jahre 1175 hinterlassen. Die Erzählungen Petachjas wurden von dem berühmten Rabbiner R. Jehuda Chasid, der in Regensburg lebte, redigiert und kurz wiedergegeben. Alle einschlägigen Angaben Petachjas zeichnen sich durch große Genauigkeit und völlige Glaubwürdigkeit aus. Er reiste „aus Prag, das im Böhmenlande liegt, nach Polen und aus Polen nach Kiev, das in Rußland liegt, und aus Rußland wanderte er 6 Tage am Dnepr entlang und nach Ueberschreiten des Flusses begann er das Land Kedar40) (d. h. der Nomaden) zu durchqueren". Zahlreiche Bräuche der Kumanen wurden von Petachja beschrieben, und seine Schilderungen stimmen mit denen der russischen und ungarischen Quellen durchweg überein. Die Kumanen, die die Karawane führten, leisteten nach besonderem Brauch einen Eid mit Blut oder Wein, und die Reise mit solchen vereidigten Freunden galt nicht als gefährlich. Das Land der Kumanen durchquerte Petachja in 16 Tagen und erreichte einen Meerbusen, der eine Tagesreise breit war. Hinter dem Meerbusen begann das Land Chasarien, d. h. die östliche Krim. Acht Tage dauerte die Reise durch Chasarien, „von dem Meerbusen bis zum anderen Hafen, wo sich all die versammelten, die die Reise in ferne Länder per Schiff antreten wollten". Petachja erwähnt den Namen des Hafens nicht, sondern teilt lediglich mit, daß der Hafen an der Peripherie des Landes Chasarien gelegen und von „siebzehn Strömen umgeben ist". Danach läßt sich mit Gewißheit feststellen, daß der Hafen auf dem kaukasischen Ufer der Meerenge von Kerc, in dem Gebiete der verzweigten Mündung des Kubanflusses lag. Im Altertum blühte hier Fanagoria, der Mittelpunkt des Handels zwischen Griechenland und Skythien. Im Zeitalter des Chazarenreiches erhält diese Handelsstadt den Namen Tamantarchan41). Nach der Eroberung durch die Russen verliert der Ort seine Bedeutung für den Handel. Am Ende des 11. Jahrhunderts werden die Russen von den Chazaren und Kumanen verdrängt, und das Land erhält wieder den Namen Chasarien. Etwa um das Jahr •1150 berichtet der arabische Geograph Edrisi von dem wachsenden Handel dieser Stadt, die um diese Zeit den Namen Tamatarcha oder, abgekürzt, Matarcha trägt. Edrisi erzählt auch von dem Zusammenströmen der Kaufleute aus aller Herren Ländern nach Matarcha42). Um das Jahr 1175, die Zeit, wo Petachja seine Reise macht, steht die Stadt unter der byzantinischen Hoheit, was auch durch griechische Urkunden aus dem Jahre 1170 bestätigt wird43). Die zahlreiche jüdische Bevölkerung, die hier im 9. und 10. Jahrhundert 40) Wir zitieren nach der Ausgabe von L. Grünhut, Jerusalem 1905. 41) In den russischen Chroniken wird sie Tmutarakan' genannt. 42} Edrisi, Geographie, ed. Jaubert, T. II, p. 395. 43) Mikloschicz et Miller, Acta et diplomata graeca sacra et profana, T. III; Sauli, Deila colonia dei genovesi in Galata, T. II, p. 11. 106