Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
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Julius Brutzkus. Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev legien konnten die Regensburger Juden ihre Beziehungen zum Orient weiter pflegen. Vom Ende des 12. Jahrhunderts ist eine Anzahl von Urkunden erhalten geblieben, in denen von Kaufleuten, die aus Regensburg die Donau a*bwärts nach Rußland fuhren, die Rede ist36). So bestätigt der spätere König Ottokar I. im Jahre 1191 die Zölle in der Stadt Enns, die noch von seinem Vater für die Kaufleute der Stadt Regensburg eingeführt waren: „Plaustra in Ruziam vel de Ruzia tendentia XVI denarios persolvant", d. h. für Ladungen nach Rußland oder aus Rußland sind je 16 Denarien zu entrichten. Im Jahre 1192 führt der österreichische Herzog Leopold seine eigenen Zölle für durchreisende Regensburger Kaufleute ein, und zwar „Rusarier, wann sie auch durchreisen mögen, entrichten 2 Talante, und bei der Rückkehr aus Rußland ein halbes Talant; und falls sie irgendwo einkehren wollen, zahlen sie 12 Dinarien". Auch hier tragen die Kaufleute, die nach Rußland gehen, eine besondere Bezeichnung „Rusarier", die an „holche derech russia" (Russengänger) der jüdischen Autoren erinnert. Von demselben Herzog Leopold und seinem Sohne Friedrich ist noch eine Verordnung über die beim Schlosse Stein an der Donau zu erhebenden Zölle mit dem genauen Verzeichnis der Waren erhalten geblieben, die die Donau auf- und abwärts gingen37). Ausgeführt wurden folgende Artikel aus Deutschland: Waffen, Sattel, Woll- und Leinengewebe und Holzartikel; eingeführt aus dem Auslande wurden: Pfeffer, Safran, Ingwer, Kaigan, Kümmel, Gewürznäglein, Lakritze, Olivenöl, Lorbeerblätter, Nüsse, Brokatgewebe, Seidengewänder u. a. m. Die angeführten Einfuhrartikel konnten nur aus Konstantinopel oder aus Kiev stammen. Für letzteres spricht, daß in den angeführten Verordnungen der Jahre 1191 und 1192 direkt darauf hingewiesen wird, daß die Regensburger Kaufleute, die nach bezw. aus Rußland reisten, als „Rusarier" bekannt waren. Im 12. Jahrhundert unterhielt Kiev noch lebhafte Handelsbeziehungen mit dem Orient und Byzanz mit Hilfe der Karawanen der „Griechengänger", die durch die Steppen nach den Häfen der Krim reisten38). Aus Suraz und Matarcha (T'mutarakan') bekam Rußland die orientalischen Gewürze und byzantinische Gewebe. Andererseits hält ein so großer Kenner des Orienthandels wie Viktor Heyd39) den Verkehr zwischen Regensburg und Byzanz über die unsicheren Balkanländer für ausgeschlossen. Infolge der Feindseligkeiten zwischen den Christen und Mohammedanern hatte Kiev nicht selten das Monopol im Handel mit orientalischen Gewürzen, und daraus erklärt sich auch der große Zufluß westlicher Kaufleute nach Kiev, der in dem Werke „Slovo o polku Igoreve" (Ende des 12. Jahrh.) Erwähnung findet und noch im Jahre 1246 von dem reisenden Mönch Piano Carpini viel bewundert wird. Die jüdischen Kaufleute, die nach Kiev kamen, beschränkten sich oft nicht auf diese Stadt als Endziel ihrer Reise, sondern reisten weiter nach der Krim und dem Osten. Nach der Zerstörung des Chazarenreiches und der Invasion der Kumanen wurden diese Straßen zwar gefährlicher, blieben jedoch erhalten und wurden von den 36) Archiv für die Kunde Österreich. Geschichtsquellen, T. X., S. 92. 37) Rauch, Scriptores rer. austriacarum, T. II, p. 106. 38) Ipat'evskaja Chronik, passim. 39) V. Heyd Histoire du commerce du Levant, T. II, p. 728. 105