Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2259275-2259288-2259291-2260971--3412-2261067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Julius Brutzkus. Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev „Und das ist was R. Kalonymus-ben-Schabbatai Hachasan in dem Ungarlande über R. Abraham b. Chya aus Regensburg und seinen Bruder Jakob, die aus Rußland mit beladenen Fuhren gekommen sind, bestimmt hat. Sie kamen Freitag mit ihren andersgläubigen Söldnern und jüdischen Genossen. Und sie blieben am anderen Donauufer etwa in einer Meile Entfernung stehen, da bei einer ihrer Fuhren das Rad zerbrach. Und sie hielten sich dort solange auf, bis sie es repariert hatten. Und als sie in die Stadt einzogen, verließ bereits die Gemeinde am Freitag abend die Synagoge. Da sagte ihnen die Gemeinde keinen „Schalom" und ließ sie auch am nächsten Morgen in die Synagoge nicht hinein, damit die anderen nicht ihr Beispiel nachahmten . . . Nach Sabbathende kamen sie in die Synagoge, um Buße zu tun. Und es wurde bestimmt, daß sie sieben Wochen, d. h. 50 Tage ununterbrochen, mit Ausnahme von Sabbath, Feiertagen und Neumondtagen fasten und das Fasten durch Geißelhiebe ergänzen sollten. Wie aus diesem Fragment hervorgeht, rüsteten die jüdischen Kaufleute aus Regensburg ganze Karawanen aus und beschäftigten auch christliche Angestellte. Aus Kiev ging der Rückweg aller Wahrscheinlichkeit nach über Peremysl und von da über Ungarn bis an die Donau. R. Elieser ben Nathan aus der Mitte des "12. Jahrhunderts gibt uns eine Beschreibung davon, wie diese „Russengänger" den Sabbath verbrachten28). Am Freitag machte die Karawane Halt, aus den Fuhren wurde ein Kreis gebildet, die Zwischenräume zwischen den Fuhren mit den ausgeladenen Waren ausgefüllt In einer solchen, nach dem Beispiel der türkischen Nomaden geschaffenen Wagenburg weilte man den ganzen Sabbath. Die russischen Wege, von denen Elieser ben Nathan erzählt, waren anscheinend sehr wenig belebt, und man konnte keine Unterkunft für die Nacht finden. Es mag aber sein, daß hier von den fernen Wegen in den Steppen hinter Kiev die Rede sei. In Kiev selbst, wo schon zur Zeit Vladimirs „chazarische Juden" lebten, finden wir im Jahr 1018 eine bedeutende jüdische Bevölkerung, die bei der Einnahme der Stadt durch die Polen ausgeplündert wurde29). Auf dem Berge im westlichen Teile entsteht ein jüdischer Stadtteil „Zidy". Er liegt an dem „Jüdischen Tore"30), über das der Weg nach Lvov (Lemberg) ging; daher erhielt auch das Tor später den Namen — das Lvovsche Tor. Das alte chazarische Viertel — Kosare — lag in dem unteren östlichen Teile der Stadt31). Auf Grund der üblichen Lage der jüdischen Viertel in alten Städten darf man annehmen, daß die Bevölkerung, die sich am Jüdischen Tor angesiedelt hatte, aus dem Westen gekommen war. Ueber die wirtschaftliche Rolle, die die Juden spielten, können wir uns ein Urteil bilden aus der Erzählung der Chronik unter dem Jahre 1113, nach der die Kiever Bürger, um die Ankunft des Fürsten Vladimir Monomachos zu beschleunigen, ihn darauf hinwiesen, daß beim weiteren Zögern zu befürchten sei, daß der Pöbel außer den Juden auch die Bojaren ausplündern würde. Im 12. Jahrhundert werden die Handelsbeziehungen der westlichen Juden mit Kiev noch lebhafter. Elieser ben Nathan berichtet uns von älteren Handelsbräuchen der Kaufleute, die nach Rußland zu reisen pflegten: 28) Ewen Haeser, ed. Prag, cap. 394, p. 68. 29) Dlugossius, Historia Polonica, t. I, 394 (ed. Leipzig), offenbar nach nicht mehr erhaltenen Quellen. so) Wird in der Ipat'evskaya Chronik unter den Jahren 1124, 1146, 1151 und 1156 erwähnt. 31) Ipat'evskaya Chronik unter dem Jahre 945. 103