Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2259275-2259288-2259291-2260971--3408-2261063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Julius Brutzkus. Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev Mündung des Rhodanus (Rhone), und entspricht der in den zeitgenössischen Chroniken vorkommenden lateinischen Bezeichnung „nautae rhodanici"6). Eine der Reiserouten zu Lande dieser jüdischen Kaufleute führte durch die slavischen Länder und wird bei Ibn-Chordadbeh in folgender Weise beschrieben: „Zuweilen umgehen sie Rum (Byzanz) von der anderen Seite und gehen in die slavischen Länder, von dort nach Kamlidj7), der chazarischen Hauptstadt, dann reisen sie über das Djordjanische Meer (Kaspisches Meer) und kommen nach Balch, Maaweranahar (Transoxanien), das Land Tarasgus (Ost-Turkestan) und nach China". Dank ihrer Weltreisen sprachen diese Kaufleute „persisch, römisch (griechisch), arabisch, fränkisch, andalusisch und slavisch". Die slavischen Sprachkenntnisse der Kaufleute sind ein weiterer Beweis dafür, daß die nördliche Route nicht den von'türkischen Stämmen der Bulgaren und Chazaren bewohnten Küsten des Schwarzen Meeres entlang führte, sondern viel nördlicher durch die Länder der Slawen ging. Notwendigerweise mußten sie auch Kiev die chazarische Faktorei an der Grenze zwischen dem Lande der Slawen und der Steppe berühren. Diese internationalen jüdischen Händler treffen wir auch im Jahre 904 an der Grenze zwischen Bayern und Mähren in Raffelstetten bei Passau. Laut der Bitte der Bevölkerung bestimmt der König Chlodwig dieselben Zollabgaben, wie sie zur Zeit seiner Vorfahren, der Könige Ludwig (843—876) und Karloman bestanden haben8). Unter den vereidigten Zeugen sind auch zwei jüdische Namen — Isac und Saloman nebeneinander erwähnt. Das sind die ersten baxerischen Juden, die urkundlich festgestellt sind. Die reisenden Kaufleute werden in drei Gruppen eingeteilt — einheimische Händler, Slaven aus Böhmen oder Rugien und jüdische Großhändler. Auf Grund zahlreicher Vergleiche mit anderen Stellen aus den mittelalterlichen Chroniken behaupten Wasilevski9) und Waitz10), daß hier Rugien Rußland sei. Einen Beweis können wir auch in der Aufzählung der Münzen finden, die als Abgaben bei verschiedenen Waren gefordert werden. So werden hier erwähnt Halbdrachmen, die einem Scoti gleich sind, was an die Kiever asiatischen Silberdrachmen — Nogata — erinnert, deren Hälfte auch einem Geldstück Skot oder Kuna glich. Der Name einer anderen Münze — Saiga — ist ebenfalls orientalischen Ursprungs. Der dritte Abschnitt der Zollordnung bezieht sich auf die Juden und lautet: „Legitimi mercatores id est judei et ceteri mercatores, undecumque venerint, de ista patria vel de aliis patriis, justum theloneum solvant tarn de mancipiis uam de aliis rebus sicut Semper in prioribus temporibus regum fuit", zu eutsch: „Die berechtigten Kaufleute, d. h. Juden und andere Kaufleute, woher sie auch kommen mögen, aus diesem Lande oder anderen Ländern, sollen eine angemessene Steuer entrichten, sowohl für Sklaven, so für andere Waren, wie es zu den Zeiten der früheren Könige war". 6) Simonsen, Revue des Etudes Juives, 1907, t. 54. 7) Kamlik — bedeutet in der türkischen Sprache Sammelort. Dieselbe Benennung für die chazarische Hauptstadt finden wir auch bei Ibn-Rusteh, Gardezi, Ibn-Fakich, Al-Bekri u.a.m. *) Mon. Germ. Hist. Leges III, p. 480; Capitularia II, 250; Codex diplom. regni Bohemiae, ed. Friedrich I, 33. 9) Wasilevski, Der alte Handel Kiews mit Regensburg in Zumal. Ministerstwa Prosvescenia, Juli 1888. 10) Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte IV, 2. Aufl., S. 73. 2« 99