Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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Julius Brutzkus. Der Handel der westeuropäischen Juden mit dem alten Kiev Völkern des Südens und den seßhaften Stämmen des Waldgebietes am Dnjeper. Seine Begründung muß den Chazaren zugeschrieben werden; denn die beiden alten Namen der Stadt Kyev und Sambat1) sind türkischen Ursprungs, und zwar bedeutet Küy-ev in den türkischen Sprachen eine Ufersiedlung und Sambat — die obere Festung2). Die zahlreichen Funde an mittelasiatischen Münzen, die in Kiev und Umgegend gemacht wurden und fast die ganze Periode von 765 bis zum Ende des 10. Jahrhunderts umfassen, sowie die geringe Zahl der gefundenen byzantynischen Münzen, die sich auf dieselbe Periode beziehen3), weisen deutlich darauf hin, daß sich der Handel Kievs in diesen Jahrhunderten hauptsächlich durch Vermittlung der Chazaren nach Asien bewegte. Dies wird auch durch zahlreiche Zeugnisse der zeitgenössischen arabischen Geographen, wie Ibn-Chordadbeh, Ibn-Fadlan, Ibn-Ruste, Massudi, Isstachri, Gardezi, Ibn-Chaukal, Mukadassi u. a. m. bestätigt. Die Russen, in ihrer Eigenschaft als Kaufleute, reisten nach der an der Wolgamündung gelegenen chazarischen Hauptstadt Itil und nach dem an der Meerenge von Kerc gelegenen „jüdischen Samkarz"4). Die chazarischen Kaufleute ihrerseits erreichten Bulgary an der Kamamündung und Kiev am Dnjepr5). Unter diesen chazarischen Kaufleuten befanden sich zweifellos auch viele jener „chazarischen Juden", von denen die russischen Chroniken sprechen. Wir haben jedoch in diesem Artikel nicht die Absicht, die Wechselbeziehungen zwischen dem alten Kiev und dem chazarisch-jüdischen Chaganat zu untersuchen oder uns mit dem Handel des südlichen Rußlands mit dem Osten, der einen enormen Einfluß auf die gesamte russische Kultur ausgeübt hat, eingehend zu befassen. Wir wollen hier vielmehr einen anderen Abschnitt aus der Wirtschaftsgeschichte Kievs zur Darstellung bringen, nämlich seinen Handel mit dem Westen, und dabei zu beweisen suchen, daß in diesem Gebiete die Rolle der Juden eine viel bedeutendere war, als gewöhnlich angenommen wird. Die erste Erwähnung des Handels der Juden in den slavischen Ländern finden wir bei dem Araber Ibn Chordadbeh, dem Postminister des Kalifen von Bagdad, der in der Zeit von 846—872 „die Bücher der Wege und Staaten" verfaßt hat. In diesem Buche erzählt er ausführlich über die Reiserouten der Juden-Radaniten, die um diese Zeit den internationalen Handel zwischen dem Westen und dem Osten betrieben. Sie bestiegen die Häfen Südfrankreichs und reisten mit ihren Waren bis nach Indien, sogar bis China. Die wichtigsten Reiserouten waren Seerouten und führten über die Landenge von Suez und den Indischen Ozean. Jedoch schreckten sie auch vor langen Reisen auf den Flüssen und Landwegen nicht zurück und besuchten alle wichtigsten Handelszentren der damaligen Zeit, wie Konstantinopel und Bagdad. Sie führten nach dem Orient Sklaven, Seide, Pelze und Schwerter aus und bezogen von dort „Moschus, Aloe, Zimmt, Kampfer und andere Erzeugnisse der orientatalischen Länder". Die Juden waren in diesen älteren Zeiten die hauptsächlichen Vermittler zwischen dem Orient und dem Okzident. Der Name Radaniten rührt wahrscheinlich von dem Ausgangspunkte der Schiffe her — der x) So heißt Kiev bei Constantinus Porphyrogen (De administr. imperio, cap. 9) und bei den Arabern Ibn-Ruste, Gardezi u. a. m. 2) Eine Erklärung der Legende der Chronik von den drei chazarischen Gründern der Stadt, Kij, Scek und Choriv und ihrer Schwester Lybed, bleibt einer weiteren Arbeit von mir vorbehalten. An dieser Stelle sei nur soviel gesagt, daß diese Namen den Bezeichnungen für die drei Stadtteile Kievs entsprechen: der Fährmann Kij entspricht der niederen Stadt Kiev, Choriv ist der Berg, d. h. der chazarische Sambat, Scek entspricht dem Stadtteil Scekowiza, die Schwester Lybed' dem Flusse Lybed'. 3J Belaschevsky, „Monetnye Klady kievskoj gubernii", Kiev 1889. *) Ibn-Chordadbeh und Ibn-Fakich, De-Goeje, Bibliot. geogr. arabic. T. VI, p. 115—116. 5) Macoudi, Les prairies d'or., T. III, cap. 34, p. 61—65. 98