Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 16)
- Language
- German
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Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Das ist der Schlüssel seines Selbstbewußtseins. „In tenui labor, at tenuis non gloria" 57), sagt er und bittet seinen Bruder in etwas larmoyanter Weise, mit eigener Einsicht dem hier aufgespeicherten Fleiß zu begegnen. „Brevia et Ievia tibi praecepta dabo et simul clara, quod alius ante me fecit nemo". In dem oben erwähnten Brief an Anshelm nennt er sich den „Hebraicarujm literarum protomartyr immolatus, tortus, tostus, laniatus et laceratus". Und so auch am Schluß des ganzen Werks (S. 621) der stolze Satz: „Exegi monumentum aere perennius". Er hat Recht behalten. Nicht an den Einzelheiten solcher Leistungen darf die Nachwelt ihr Urteil bilden; sie müssen aus der Totalität des Schöpfers heraus verstanden werden. Und da kündigt sich etwas an, das über die Grenzen der zeitlichen Unvollkommenheit hinaus in unsere Gegenwart deutet. Reuchlin hat in der Literaturgeschichte Bedeutung durch sein Eintreten für die talmudischen Bücher gegen die verleumderische Behauptung J. Pfefferkorns, jene Bücher seien von den Rabbinen zur Beschimpfung des Christentums verfaßt Reuchlin widerriet 1509 die vom Kaiser befohlene Verbrennung aller nichtbiblischen hebräischen Schriften — der Anfang des bekannten Streites, in dem die Dunkelmännerbriefe die ganze chronique scandaleuse der Pfaffengasse offenbarten58). J. Eck zitiert einen Satz Reuchlins59) „Gott hab nit wollen, das der juden büecher verbrent wurden der christerthait zu gut, darmit durch Hebräische sprach die Christen wider zum rechten verstand ihrs glaubens kummen", und bekämpft ihn. Er fragt: „Ob er (der judenvater) hie rede von der Hebräischen bibel oder von der Rabin glossen und vom Thahnud?" Die Bibel sei ausdrücklich ausgenommen, daß sie nicht verbrannt werde. Sie allein genüge zur Erhaltung der hebräischen Sprache: „dann kain wort aigentlich Hebräisch ist in der weit, das nit in der Bibel sey" (BI. 61 a). Dann nimmt er sich die Lutherischen vor, alle „auf ain hauffen": „so braucht ihrs allain zuweilen zu ainem hoffertigen bracht und unnützen Spiegelfechten". Keine heiligen Lehrer gebe es, keine Bücher und keine Messe in dieser Sprache. Eck und die Katholischen sahen deshalb im Hebräischen eine Gefahr für das Christentum. Sein Streit mit den Kölnern, sagt Reuchlin, sei deshalb von jenen angefangen worden60). Aus der Abwehrschrift Reuchlins, dem sog. „Augenspiegel"61), ist 57) Auch Melanchthon verwendet dieses Vergilzitat in der Praefatio seiner .latein. Syntax 1529. Corp-Ref. XX, S. 347. 58) Erasmus soll darüber so gelacht haben, daß ihm eine Geschwulst im Gesicht aufging, die sonst hätte operiert werden müssen („ut in facie abscessus, ut medici vocant, alias secandus rumperetur"). Tribbechovius, S. 215. Dort auch Erwähnung der „Reuchlini pericula ob linguarum Studium perpessa" — „Sic pro barbarie pugnatum fuit". Reuchlins Eintreten für die talmudischen Bücher nennt Ranke „ein schönes Denkmal reiner Gesinnung und überlegener Einsicht". L. v. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. 2. Buch, 1. Kap. (Akademie-Ausg. Bln. 1924. Bd. I, S. 199). Vgl. A. Berliner, Persönliche Beziehungen zwischen Christen und Juden im Mittelalter. Halberstadt 1882. S. 18. 5a) Eck, Bl. 60 b. Augenspiegel, Bl. 14 b: „Ratschlag ob man den Juden alle ire bücher nemmen abthun unnd verbrennen soll". 60) Brief an J. Faber, 31. Aug. 1513. Geiger, Briefwechsel, S. 199. 61) Doctor Johannsen Reuchlins . . . warhafftige entschuldigung gegen und wider ains getaufften iuden genant Pfefferkorn . . . unwarhaftigs schmachbüchlin Augenspiegel. 6 unnumm., 41 numm. Bl. O. O. u. J. (1511). 4°. Ex: Berlin. Staatsbibl. Bl. 20 a. 96