Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 15)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Eine rabbinische Grille wiederholt er S. 3: n)^ 28 voluptas, inde per apocopen ultimae literae pauper, eo quod, qui caret fine voluptatis, dicitur pauper53). Die Aufzählung ist lückenhaft, die Derivate fehlen meist, z. B. von und öStf, bei »81 erwähnt er weder rptfKf noch nnV „imber matutinus" leitet er von riKl ab statt von n"iund kennt keine der Ableitungen von nsn. — nsn;?t? sucht man vergeblich bei K"ip oder mp. Die Schreibweise ist willkürlich, z. B. in Rücksicht auf lange und kurze Vokale, in der Setzung und Weglassung des Dages forte. Hier vor allem konnte sich das Formen Verständnis zeigen. Im grammatischen Teil läßt Reuchlin bei der Deklination die Kasus bilden durch die vorgesetzten Partikeln | Ja , n t?, b, n und erklärt dann „casus non Semper ab articulis cognosci, sed saepius a sententia orationis". Die Feminina erkennt man am Plural öth (S. 553); beim Plural D 3 \ * kommt man freilich in Verlegenheit. Ebensowenig kann der Grammatiker von damals sich n b* b_ als masc. b * b mit dem akkusativischen a erklären54). Die Dualendung DV hält er für einen unregelmäßigen Plural (wie 8in"Dn, nin-cria S. 559). Er kennt beim Nomen einen Status absolutus und einen status „regiminis". Im ersteren Falle „nomina frequenter in paenultima per camez proferuntur et in prima per seva". Zur Einsicht in das System der Vokaldehnung im Ton und Vorton, der Vokalverkürzung infolge Tonwechsels dringt er nicht vor. Wohl aber finden wir einen gelegentlichen Hinweis darauf, daß im Aramäischen der status constr. gleich dem status absol. ist. Das ist durchaus richtig; der Grund, daß nämlich im Aramäischen die Tonänderung den Vokalismus nicht beeinflußt, war Reuchlin noch nicht bewußt geworden. Also lauter mechanische Bildungsvorschriften, die man schwerlich Gesetze nennen kann. Beim Verbum wird es noch bunter, da die Grundform, die Reuchlin wohl kannte (s. o. S. 90), nur schwer als solche erkennbar wird. Jedes weiteren Nachdenkens enthebt den Leser der Satz „non semper analogia sequenda est" (S. 555) — eine Parole für Gesetzlosigkeit und fröhlichen Agnostizismus. Reuchlins Arbeit würde man heute zweifellos als Plagiat bezeichnen; aber diese Art der Arbeit ist entschuldbar, weniger durch einen den Sitten des Cinquecento und der Renaissance gemäßen „Kollektivgeist" der prinzipiellen Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums als dadurch, daß R. in der Uebersetzung der von Kimchi zitierten Bibelstellen im Lexikon doch immer eigene Arbeit leistete. Man muß doch auch bedenken und es mehr noch bewundern, daß Reuchlin eine bei dem Mangel anderer Hilfsmittel gewiß schwierige freie Gestaltung des Stoffs vornahm und die Fehler der früheren Zeiten aufdeckte, daß er in das erstaunlich verwickelt, verwinkelt und eigensinnig angelegte grammatische Gebäude eine klare, freundliche und gefällige Architektur brachte und es damit zugänglich, licht und fast bewohnbar machte. Auf jeden Fall stellt er die Superiorität dar gegenüber dem flüchtig auffassenden und schreibenden Pellikan. Auch deshalb fürchtete er, wie er in der Vorrede zum 3. Buch schreibt, angegriffen zu werden, weil er die Uebersetzungen des Hieronymus, des Nikolaus von Lyra 55) tadelte. Höher stand ihm die Wahrheit. „Quamquam enim Hieronymum sanctum veneror ut angelum et Lyram colo ut magistrum, tarnen adoro veritatem ut deum"56). Es ist das Bekenntnis des Forschers, dem Wahrheit nicht die überlieferte Meinung ist, sondern nur die durch selbständige Untersuchung gewonnene Ueberzeugung. 53) Die richtige Etymologie des Wortes s. u. A. 120. **) J. Barth, Die Kasusreste im Hebräischen. Z. D. M.G. Bd. 53. 1899. S. 593—99. S. 596. 55) Hieronymus, s. o. S. 92. — Nikol. v. Lyra, gelehrter Franziskaner, Hebraist, Dr. u. Prof. d. Theologie in Paris, 1325 Ordensprovinzial von Burgund, f 1340 in Paris. „Si Lyra non lyrasset, Lutherus non cantasset". 56) Reuchlin, S. 549. 95