Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259288-2259291-2260970--3401-2261058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus bräischen Sprachstudien in den ersten Dezennien ihres Bestehens in der Humanistenwelt hervorgebracht haben. Dies eine Werk enthält alles, was er und kein anderer der Welt zu sagen hatte; es ist ein Brennspiegel, in dem die Totalität seines wissenschaftlichen Charakters aufgefangen ist. Ich gebe den Inhalt der Vorrede (an seinen Bruder Dionys, 7. März 1506) im Umriß und gehe auf den Inhalt des Werks etwas ausführlicher ein. Dem Verfall der heiligen Wissenschaften kann nur dadurch Einhalt geschehen, daß ihr Ansehen in ein den gegenwärtigen lateinischen Menschen unbekanntes neues Licht gerückt wird. Ein solches verbreitet die Lektüre und das Verständnis des Alten Testaments in seiner Ursprache. Obwohl in Italien allenthalben hebräische Bibeln gedruckt werden, die jeder billig kaufen kann, gibt es doch in der Schar der Gelehrten bis heute kaum einen, der die hebräische Sprache nach grammatischer Methode die Christen lehren könnte (S. 1). Reuchlin unterzieht sich der Arbeit. Das Unterfangen, eine so schwere Last auf seine Schultern zu nehmen, rechtfertigt er dadurch, daß er sich und seinem Leser Rechenschaft ablegt von dem Gang seiner Studien (S. 2). „Jetzt vermache ich dir die Frucht meiner Mühen. Ich beklage die Vertreibung der Juden aus Spanien und ihre Verfolgungen in Deutschland, die ein gänzliches Aussterben der hebräischen Sprache und des alttestamentlichen Studiums zur Folge haben können, und beschwöre dich und alle studierenden Jünglinge, daß ihr euch die Mühe nicht verdrießen laßt, die unermeßlichen Abgründe der Wissenschaft zu durchforschen" (ad perscrutationem profundissimarum scientiarum. S. 3 und 4). Wie wenig vorbereitet er seine Leser glaubt, zeigt er dadurch, daß er sie sehr umständlich ermahnt, das Buch „contrario latinis more" von hinten anfangend von der rechten zur linken Seite zu lesen (am Schluß; der Einleitung und am Schluß des Werkes in sechs mit „Canon" überschriebenen Versen). Die Rudimenta haben drei Teile: im ersten werden Buchstaben, Silben, Redewendungen gelehrt mit Anschluß eines Wörterverzeichnisses bis zum Buchstaben K, der zweite Teil enthält die Fortsetzung vom Buchstaben L ab, indes nur die biblischen Ausdrücke ohne die Sprache des Talmuds und der Rabbinen, der dritte die Grammatik, „ut discant orationem ex _partibus suis constructam artificialiter explanare" (S. 549). Reuchlin hält sich noch ganz an die jüdische Ueberlieferung, besonders an D. Kimchis Sepher Michlol (= Vollständigkeit) *9), anfangs selten zitiert, im weiteren Verlauf gewissenhaft als Quelle angegeben. Reuchlins Anspruch, das Wörterverzeichnis allein angefertigt zu haben50), hält der Prüfung nicht Stand. Die Methode, die Wörter nach Wurzeln zu ordnen und die Derivate unter den Wurzelwörtern zusammenzustellen, stammt von Kimchi51). Reuchlin hat nicht soviel Schule wie dieser, dagegen sucht er manches djirch klassische Analogien deutlich zu machen. Die Zitate gibt er ungeordnet und nur nach Kapiteln. Von ihm sind ohne Zweifel die meisten grammatisch-technischen Ausdrücke: coniugatio im Sinn des hebr. affixum u. m. Manches schon von den Rabbinen richtig Vorgetragene war ihm allerdings nicht klar geworden, so rechnet er52) mit Hieronymus n und 2 zu den Vokalen. *9) Im einzelnen nachgewiesen von L. Geiger, Joh. Reuchlin, sein Leben und seine Werke. Leipzig 1871. S. 112 f. *>) Reuchlin, S. 3. 51) Die Unterscheidung in wurzelhafte Nomina und Derivate lag auch dem Agrön („Sammlung" Wörterbuch) des Saadja zugrunde, dem ersten Versuch, den bibl. Wortschatz alphabetisch zu registrieren. Saadja (aus Phitom L Egypten, 892—942) nahm in ihm nur die Wurzeln auf, d. h. die von ihm als solche anerkannten Wortbildungen, und unterschied in allen Sprachbildungen Fundament und Zusatz (Wurzel u. Erweiterung). Bacher, S. 17. Wolf I, S. 933; IV, S. 936. Das Manuskr. in Oxford. Gesenius 99, vgl. unten A. 91. 52) Reuchlin, S. 7 u. ö. 94