Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus aufzuhellen und die in Italien gedruckten hebräischen Bücher mit lebendigem Odem zu erfüllen. Der Humanismus schuf die Atmosphäre. In diesem Sinn hängt das „Wiedererwachen" der hebräischen Studien mit der humanistischen Bewegung zusammen, in diesem Sinn kann Reuchlin „Erneuerer" des hebräischen Studiums und der hebräischen Wissenschaft heißen. Denn ihm war die Wissenschaft nicht Einfall oder Gelegenheitsarbeit (wie für Adrian), sondern Programm. Diese Bedeutung Reuchlins wird auch von denen anerkannt, die in ihm vorwiegend einen Benutzer der jüdischen Vorläufer sehen. „Das hebräische Sprachstudium trat mit ihm aus der Gemarkung der Synagoge hinaus, um in dem großen Kreise wissenschaftlicher Bestrebungen, die durch den Humanismus angebahnt wurden, eine Stelle einzunehmen"44). Zunächst hatte er es nicht leichter als seine Vorgänger45). Er mußte lange suchen, bis er in Jacob Jehiel Loans46) und später in Italien in Abdias Cesinates47) geeignete Lehrer fand, deren Unterricht er dann durch gelegentlich „herausgefischte Brocken" von anderer Seite ergänzte. Die Summe seiner von den Zeitgenossen bewunderten Kenntnisse hat er als 50 jähriger in seinen „Rudimenta hebraica"48) niedergelegt, dem bedeutendsten Werk, das die he- 44) Bacher, S. 103. 45) Geiger, Briefwechsel, S. 89: „neque tarnen ex omni literatissimorum hominum numero in hunc usque diem inventus sit unus vel item alter, qui linguam hebraicam grammaticorum raore Christianis demonstraret." Brief an seinen Bruder Dionys. 7. März 1506. lieber die Notwendigkeit der privaten Unterrichtsmethode urteilt noch 1600 J. J. Scaliger, der mit Hilfe eines getauften Juden des Talmudischen Idioms Herr zu werden versuchte: „Quae (Talmudica) certe frustra Christiani nostri conantur, qui nihil illarum literarum sine praesidio hominis Judaei et Judaice instituti perfecte teuere possunt." Scaliger, Epistolae, Lugd. Bat. 1627, S. 594. J. Bernays, J. J. Scaliger, Berlin 1855, S. 123. Als Beispiele für den Willensaufwand der Pioniere der semitischen Sprachwissenschaft in jener Zeit, für welche alles Orientalische noch in weiter, dicht verschleierter Ferne lag, nenne ich außer Pellikan (S.89) noch Nik. Clenardus aus Flandern (s. 2. Teil: A. 102), der nach Afrika reiste, um Arabisch zu lernen (nach Jöcher), den Wiener Juristen und Reichskanzler Joh. Alb. Widmanstadt (s. 2. Teil: A. 89), der sich aus Kleinasien seine Kenntnis der syrischen Sprache holte, und den Kölner Probst Joh. Potken (A. 115), der in Rom 1511 von einigen Mönchen die bis auf seine Zeit ganz unbekannte äthiopische Sprache lernte. „Magno desyderio diversorum ordinum Monachos et fratres mendicantes, qül tum Romae peregrinationis causa erant, adii assiduoque labore non sine temporis iactura [quom idoneum interpretem reperirem minime] linguam ipsam Chaldaeam ab eis ... didici" (Potken, Bl. 143 b). Dieser Forschungstrieb („investigandi cognoscendique veri Studium") in der oriental. Sprachwissenschaft findet einen begeisterten Lobredner in dem Renaissancephilosophen Francesco Filelfo. Oratio in suo legendi prineipio habita. Florentiae 1429. Bei K. Müllner, Reden und Briefe ital. Humanisten. Wien 1899. S. 148. *6) Vgl. Reuchlins hebräisch geschriebenen Brief an ihn (1. Nov. 1501. Geiger, Briefw., S. 67), der ihm von Seiten Pfefferkorns den Vorwurf unerlaubter Judenbegünstigung eintrug. Reuchlin, Rudim., S. 3. 47) Obadja Sforno aus Cesena, der bekannte Kommentator des Pentateuch. Der Unterricht währte von 1498—1500. Geiger, Studium, S. 28. Reuchlin, Rudim., SS. 3, 548. 48) S. Abk. Die 2. Aufl. Basel 1537 ist herausgegeben von S. Münster. Steinschn. 1670 (mit falschem Titel). 93