Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
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Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Hebraist seine Sprache, die Sprache des Mose, Jesaia, Salomo, der Apostel und Christi, die Quelle aller Sprachen nennt, „unde hauserunt si quid habent egregium graecae philosophiae autores" *°). Er eiferte in dieser Rede gegen die Oebersetzungen, erbot sich zur Korrektur der Bibelübersetzung des Hieronymus („Hieron. multa nescivit, alicubi dormitavit . . .") und entfesselte mit dieser Kritik an der von der Kirche heiliggesprochenen Vulgata41) einen Entrüstungssturm, dem er einige Zeit darauf weichen mußte. Wir treffen ihn 1520 wieder in Wittenberg. Schon zur Zeit, da er die Rede hielt (1519), beschäftigte ihn diese Sehnsucht, er hoffte dort „feliciore sorte quam Lovanii" zu lehren, da er dort keine Feinde habe, und nennt die Studenten „universos paene insanos linguarum amatores"42). Wenn er dennoch im Februar 1521 schon Wittenberg verläßt43), so wird ihn seine Abenteuerlust auf die Wanderschaft getrieben haben. Von da an ist sein Geschick unbekannt. Das Unzulängliche der bisherigen Forschung und Darstellung war die Methode. Man hatte handwerksmäßig einen kleinen Teil des Sprachguts unter den Hammer genommen. Zu einer wirklichen Kenntnis bedurfte es zunächst einer umfassenden Sammlung und Untersuchung des Materials nach seiner formalen Beschaffenheit. Das Gesetzmäßige durch Vergleichung zu finden, war mit den Mitteln eines provokanten Sprachmißbrauchs ebenso unmöglich wie mit denen planloser Redseligkeit Zur Arbeit befähigte nur ein Wissenschaftsgeist, wie er mit dem Wachsen der humanistischen Bewegung der Erweiterung des Wissenschaftskreises überhaupt diente. Mag damals ein Teil der Sprachforscher von dem ehrgeizigen Streben nach dem stolzen Beinamen eines „trium linguarum peritus" getrieben worden sein; mehr noch entsprang die Erforschung der Sprache dem echt wissenschaftlichen Bedürfnis, das über der Sprache liegende Dunkel 40) Adrianus, Bl. 3 a. Ein Motiv der apokryph-jüdischen Apologetik, z. B. bei Aristobul. Bousset, W., Religion des Judentums. Berlin 1903. S. 29. Das Hebräische als Ursprache (unter 'Einbeziehung nicht sowohl etymologischer als religiöser Motive: Gott als Vater der hebr. Sprache bei Reuchlin, De verbo mirif. II, cp. 8 — s. 2. Teil: A. 67 —, Joh. Buxtorf fil., vgl. Schudt, S. 55) außer bei Adrian auch bei W. Postellus (ein um d. arab. Sprache verdienter Franzose (f 1581), J. J. Scaligers Lehrer. Geiger, Stud., S. 119). Th. Bibliander gf-1564), Lehrer Th. Platters. H. Boos, Thom. u. Felix Platter, Leipzig 1878, S.49. ibliander schrieb De communi ratione linguarum, Zürich 1548. L. Geiger, Neue Schriften zur Gesch. d. Humanismus (Hist. Ztschr., hsg. v. H. v. Svbel,- 33. Bd., München 1875, S. 49—125, S. 116. Auch im Sturmschen Professbrenkreis, der aus reformatorisch-puritanischer Perversion des humanist. Ethos eine gewisse Animosität gegen die „Graeci ventosi" als Schöpfer aller Wissenschaften pflegte, war die Ansicht von der zeitlichen Priorität des Hebr. vertreten. Alle, auch Phönizier und Aegypter, haben aus den Quellen der Hebräer geschöpft." Institutio 1 praef., Bl. IIa. Diese Entdeckung im Interesse einer Offenbarungskontinuität, der sich mühelos der gesamte Klassizismus einordnet, ist nicht überraschend angesichts des Beharrungsprinzips des mittelalterlichen Supranaturalismus und eigentlich eine höhere Trivialität. Auch Luther war ihr zu Zeiten verfallen (Tischr. Weim. Ausg. I, S. 524). ") J. H. Kurtz, Lehrbuch d. Kirchengesch. 13. Aufl. Leipzig 1899. 1, S. 315. Realenz., 3. Aufl. II, S. 728; III, S. 25. Eine ähnliche Stellung nahm Seb. Münster ein. Geiger, Studium, S. 82 f. Hieronymus anzufechten galt damals noch als Ketzerei. Das 17. Jahrh. urteilte anders. Tribbechovius, S. 216: „vulgata versio, tot mendis scatens." **) Adrianus, Bl. 1 b (Widmung an Spalatin). Vgl. Kluge, Humanismus, S. 24. «) Bauch, SS. 330 ff., 463, 466. 92