Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus von einem Pfarrer zum andern zog, um die Bildungseifrigen die Elemente des Hebräischen zu lehren, die er selbst eben erst gelernt hatte. Die Not rechtfertigte das. Die einheimischen jüdischen Rabbiner („nostrates Judaei") behandelten aus Neid oder eigener mangelhafter Kenntnis oder unter Berufung auf eine Talmudvorschrift36) ihre Wissenschaft als esoterische, übten größte Zurückhaltung in der Verbreitung ihrer Sprache. Und die Christen scheuten, sich mit der Sprache abzugeben, um nicht den Verdacht der Judenbegünstigung, des Judaisierens37), wie der beliebte Ausdruck lautete, sich zuzuziehen. Ein Mann ist aus jener Frühzeit noch zu nennen, dem die Wissenschaft Dank schuldet dafür, daß er, jener Beschränktheit spottend, im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts in Tübingen, Basel, Heidelberg, Lüttich, Löwen, Wittenberg Hebräisch lehrte: Matthäus Adrianus. Er wurde von jüdischen Eltern in Spanien geboren, eignete sich die volle Bildung eines jüdischen Gelehrten an, verließ seine Heimat vielleicht bei der allgemeinen Vertreibung seiner Glaubensgenossen, trat aber doch zum Christentum über und studierte Medizin bis zum Doktorat. Er wandte sich nach Italien und Deutschland, wo er teils durch Ausübung der ärztlichen Kunst, teils durch hebräischen Unterricht seinen Lebensunterhalt erwarb. Es war nicht mehr wie zu den Zeiten des Alten Testaments, da Raben den Propheten Speise und Trank brachten. Er begegnet uns als Lehrer Pellikans, als Lehrer und Mitarbeiter Reuchlins in Tübingen (1512), die ihn beide zu seiner Weiterreise nach Basel mit Empfehlungsschreiben an den dortigen Buchdrucker Joh. Amerbach unterstützten. Sie nennen ihn in diesen Briefen „den gelehrtesten Hebräer in Deutschland" Wir können sein Hebräisch nicht genügend beurteilen, wissen nur, daß er Amerbach, dem er seine Korrekturarbeit am Hieronymus und ein hebräisches Werk zur Drucklegung anbietet, in einem Briefe durch Zusammenstellung folgender homonymer Nomina zu imponieren und die Schwierigkeit der Sprache darzutun sucht: der Allmächtige, "'"0 meine Brüste, meine Felder, "'"It? meine Teufel; ir?*? „unsere Väter" und „wir wollen" (von n^?-) Punktation und Erklärung sind aber recht ungenau; schlimmer allerdings noch ist der lateinische Briefstil. In dem Streit um Adrians Bedeutung ist beachtenswert, daß er außer den genannten Meistern den Erasmus zum Kronzeugen hatte, der ihn auf das wärmste 1517 an das eben gegründete Collegium trilingue Buslidianum empfahl, eine Stiftung des belgischen Mäzenas Hieron. Busley in Löwen. An diesem Ort, der „cum ipsis etiam Athenis decertare possit"39), hielt er eine Rede „Zum Lobe der Sprachen", in der er als an conferieren." Desgl. im Unterricht: „fing an D. Munsteri grammattic läsen und conferieren und übt mich." Ueber seinen Schülerkreis und seine lustigen Erlebnisse als Hebraicus professor in Basel s. Boos, SS. 54, 55. S6) Elias Levita (Masora hammasora, S. 17) zitiert eine Stelle aus der Gemara: „sacrilegium esse, si quis doceat gentilem." »7) „Judaizantes" Wolf IV, S. 524. 58) „profundissimus Hebraeus", „omnium Germanorum Hebraeorum facile prineeps", „et perfectus et eruditor liberalissimus". Geiger, Briefw., 150; Jahrbücher 191. 59) Adrianus, Bl. 4 a. Vgl. E. Egger, L'Hellenisme en France. Paris 1869. F. Neve, La renaissance des lettres ... en Belgique. Löwen 1890. S. 63. Bauch, S. 339. 91