Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2259275-2259288-2259291-2260970--3396-2261053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Ordensbruder wie Nigri, der bereits mehrfach erwähnte Pellikan (1478—1556) ein eifriger harmloser Neuling. Er gehört zum Rätsel der Zeit, litt an der Not der Zeit und quälte sich mit der Ratlosigkeit der Zeit. Von den Schwierigkeiten beim Selbststudium der Sprache erzählt er in seinem Chronikon (1544) 26). Durch Vergleichen einzelner hebräischer Phrasen in lateinischer Umschrift mit beigefügter Uebersetzung kam er auf die Bedeutung einiger Worte, fand dann ein hebräisches Alphabet und erweiterte das Material unter seltsamen Irrtümern und Mißgriffen durch Schlüsse aus dem Zusammenhang, kurz, er entzifferte die Sprache, wie man vor 50 Jahren die Keilschrift entzifferte27). Die Frucht dieser Studien war die Schrift „De modo legendi et intellegendi hebraeum"28), „Wie lerne ich Hebräisch?", die erste hebräische Grammatik. Sie war der Margarita philosophica des Gregor Reisch29) vom Jahre 1504 angefügt, ein Abdruck, von dem nach Silbersteins30) Meinung Pellikan nichts wußte, der also unberechtigt war. Ich möchte bei dieser Schrift, obgleich sie fast nur musealen Sammelwert hat, etwas verweilen, da sie die erste ihrer Art und der Anfang des hebräischen Bücherdrucks in Deutschland ist. Das Büchlein ist ein höchst unvollkommenes Fragment einer Grammatik, mehr ein elementarer Versuch, die Art zu fixieren, wie der Verfasser selbst Hebräisch lernte, als eine Methode, andere zu belehren. "Es besteht aus drei Teilen: 1. aus einer in 6 Kapitel geteilten Elementargrammatik mit einem Anhang über die Gottesnamen, die Kreuzinschrift und einem Brief Pellikans an den Rechtsgelehrten Jakob Gallus in Straßburg, 2. aus hebräischen Lesestücken mit teilweise lateinischen Erklärungen (5 Seiten), 3. aus einem hebräisch-lateinischgriechischen Wörterverzeichnis. Gleich am Anfang fragt der Schüler seinen Lehrer: „Literarum virtutem debita pronuntiatione, quibus sermo conficitur hebraeus, mihi ostendas velim" (Bl. 1 b). Der Lehrer gibt auf jede Frage Antwort, zuerst zeigt er Schrift und Aussprache der Konsonanten, Vokale und Tonzeichen, spricht über die Bedeutung der Präpositionen, Pronomina, Deklinations- und Konjugationsendungen. Fehler finden sich in großer Menge. Als Beispiele für die Unterscheidung von Segol und Zere führt Pellikan die Worte Mär und Meer an (Bl. 4 b), den Buchstaben Jod nennt er Jots, den Vokal Patach Patsah; sein Paradigma ist pakad31), das er mit commendare übersetzt (8 b); von isch (Mann) bildet er das Femininum ischtah, von beiden 26) Es ist herausgegeben von Riggenbach (s. Abk.); eine deutsche Uebersetzung lieferte Th. Vulpinus, Straßburg 1892. Die betr. Erzählung steht Riggenbach S. 14—23, Vulpinus, S. 17—24. 27) Ueber die Art, wie er Nigris „Stella Messiae" benutzte (s. o. S. 87), sagt er: „Hic ego statim coepi conferre ex initio caput Esajae, quod praemisit libri totius disputationi; ibi legebam hebraica vocabula latinis impressa litteris: hazon ieschaejau ben Amoz, ascher haza et reliqua." Riggenbach, S. 17. — Vgl. Geiger, Renaissance, S. 484. (vgl. u. A. 35). 28) S. Abk. Obgleich diese Schrift als Anhang der Straßburger Margaritaausgabe nachmals bekannt war (vgl. Schnurrer, S. 5 Anm.), bestritt Geiger (Jahrbücher, S. 213) ihr Vorhandensein, so daß sich Nestle (Pellikan, S. VIII) sehr zu Unrecht rühmte, er habe die Schrift während seines Londoner Aufenthalts entdeckt. Gleichzeitig mit ihm machte Riggenbach (S. XIV) auf ihre Existenz aufmerksam. Danach ist Steinschneider (Nr. 1532) überholt. Geiger hat nachträglich seinen Irrtum in einem Referat über Nestles Pellikanausgabe (Göttingische Gelehrte Anzeigen, 1878. 1. Band, S. 257—282) zugegeben. Kluge, Humanismus, S. 45 f. 30) E. Silberstein, Conrad Pellicanus. Ein Beitrag zur Geschichte des Studiums der hebr. Sprache. Berlin 1900. SS. 10—11, 33—42. 31) Mose Kimchi (um 1200) hatte es als erster mit dem den Arabern entlehnten Musterverb vertauscht (Realenc. 3. Aufl. VII, S. 513. Nestle, 89