Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus schendtung (Schändung) yrs valschen glaubens und hat XI tractat"19). Ich nenne folgende: 1. von der heiligen Dreieinigkeit, 2. von der Menschwerdung des Gottessohns, 3. von der Zukunft des Messias, 4. und 5. von seiner Geburt und seinem Wirken, 11. von Widersprüchen der Juden gegen den christlichen Glauben. Daraus handelt das 8. Kapitel „von dem Talmud, da mit die jüden werden betrogen". Der Leitsatz „Es steet czu wissen das die valschen jüden haben geticht ein schentlich und ein valschs buch welichs sie nennen talmud"20) wird mit alttestamentlichen Bibelstellen belegt. Mit der Grammatik wird Nigri auf sechs Blättern fertig21), indem er die Buchstaben und Lesezeichen anführt und nur etwa 60 Wörter als Beispiele, keinen einzigen Satz. Der „Stern des Messias" beschäftigt sich also weniger mit der Sprache als mit den Tröstungen Israels, indem er die guten Herzen seiner Leser auf Kosten ihres Verstandes erquickte. Das Buch trägt bereits die Kennzeichen der humanistischen Literatur in Reinkultur: den einseitig theologischen Standpunkt und die Juden- und Talmudfeindschaft. Mit der Hetze gegen den Talmud nutzte es die Konjunktur aus. Auch die hebräische Lexikographie reicht in ihren Anfängen in jene frühen Zeiten zurück. Von den verschiedenen handschriftlichen Kompendien ist als erste Drucklegung eines solchen das 1511 in Konstantinopel gedruckte Lexikon Aruch zu nennen. Der Archetyp, der sogenannte große Aruch, stammt von R. Natan ben Jehiel aus Rom22). Eine gegenwärtig in München aufbewahrte gegen Ende des 15. Jahrhunderts angelegte handschriftliche Bearbeitung des Aruch mit beigefügter deutscher und teilweise lateinischer Uebersetzung ist für die Verbreitung der hebräischen Studien im Reformationszeitalter nicht uninteressant. Ein Ulmischer Priester und Kantor Johannes Beham (Böhm), der von einheimischen Juden Hebräisch gelernt hatte, fertigte sie an (1490), stellte sie Reuchlin und Pellikan zur Verfügung und regte sie zum Studium des Hebräischen an23). Eine andere Handschrift des Aruch, die Regensburger, deren Entstehung Perles in das 14. Jahrhundert setzt, benutzte Seb. Münster bei Abfassung seines chaldäischen Lexikons "'i"!^2*). Ueber den Autor des Aruch wissen die Benutzer nichts zu sagen. Münster äußert das in seiner Einleitung (Bl. 4 b). In dem Lexikon (S. 305) leitet er von dem Stammwort "11 f „ordinavit, disposuit" £ n b $ 2 ab und erklärt es als „magister et autor dictionarii, qui vocabula scilicet in ordinem digessit alphabeti". Desgleichen führt er (Einl. Bl. 4 a) die „gebräuchliche Benennung Aruch" zurück auf die „alphabetische Ordnung, die in ihm beobachtet wird". Das Vorhandensein einer solchen Handschrift in Regensburg, dem Wohnsitz einer Reihe gelehrter Männer, macht es wahrscheinlich, daß viele sich um die Handschrift mühten. Wir wissen es von Joh. Böschenstein und Joh. Buxtorf25). So ist der Aruch mit seinen Bearbeitern ins Dunkle und Mythische entrückt. Er hat die Grenze überschritten, die seine Wissenschaft für die Zeitgenossen im umzirkelten Gehege hielt, und es fehlen die Ergänzung und der Abschluß, die dies Werk in das Licht des letzten Verstehens schieben würden. Nigri war ein ignoranter christlicher Fanatiker, der legendarische Aruchschreiber ein jüdischer Gelehrter, ein Dritter, katholischer w) Nigri, Bl. 317 a. 20) ebda., Bl. 308 a. 21) Im Berliner Exemplar zwischen Buchende (Gottessiegel) und Index. Bl. 311 a. 22) Die Neuauflage hat den Titel: Natan Ben Jehiel: Aruch completum. Lexicon Targumicum, Talmudicum et Midraschicum. Ed. A. Kohut, Tom. 1—8. Wien (New York) 1878—92. 4«. Neudruck: Wien 1926. Der Herausgeber des Riesenwerkes hat zugrundegelegt die Ausgabe Venedig 1531 mit Vergletchung der ed. princ. (vor 1480) und sieben anderer alter Handschriften. Perles, S. 19; Nestle, Marg. II, 2. S. 32. 24) S. Abk. u. unten A. 121. 25) Perles, S. 45. 88