Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus kirchlich-theologischen und auf der hohen Schätzung der humanistischphilosophischen Tradition. Ganz anders dagegen die Reformatoren. Sie verwenden — so gering ihre Kenntnisse z. T. waren — die neue Sprache in erster Linie zur Begründung und zum Ausbau ihres Lehrsystems und zum Kampf gegen die alte Kirche, in zweiter Linie — auch eine theologische Angelegenheit — zum Angriff gegen seine natürliche Mutter, das Judentum, dem sie vereinzelt und ohne Erfolg seine Bekenner abtrünnig zu machen suchen3). Die Bekehrung der Juden durch ihre eigene Sprache wurde zum Programm erhoben im Wiener Konzil 1311 (s. u. S.97) Der gleiche Zweck, der sich im Verlauf allerdings in ausgesprochene Judenfeindschaft wandelte, lag auch dem Wirken Petrus Nigris zugrunde, des ersten, der an einer deutschen Universität (in Ingolstadt um 1470) Hebräisch lehrte. Mit seinem Buch 23is Chochaf hamschiah oder Stella Meschiah 1477 *), der ersten hebräischen Leselehre, aus der auch K. Pellicanus sein Hebräisch lernte, wollte er die Juden zur Taufe verleiten. Man erkennt schon aus diesem praktischen Zweck, daß es den christlichen Theologen mehr auf die Sache als aui die Sprache ankam; zum Verständnis der letzteren hätten sie allerdings auch bessere Kenner sein müssen. Die Unvollkommenheit der Sprachforschung, die Verachtung, die in vorreformatorischer Zeit die Humanisten den sacrae literae entgegenbrachten 5), waren die Gründe für diesen Tiefstand. Seit den Zeiten der jüdischen Grammatiker Abraham ben Ezra (gest. 1167) und der Brüder Moses und David Kimchi (gest. 1235) 6) hatte die hebräische Sprache keine Bearbeiter gefunden. Von des letzteren hebräischer Grammatik sagt J. Reuchlin in einem Brief an seinen Buchdrucker Anshelm 7), daß sie von Fehlern wimmele, sodaB seine Schüler melir molestiae negotium exhibent, ut mihi videar cum Antaeo luctari." R. Agricolae nonulla opuscula. Basil. 1518. 63 Bl. 4°. Bl. 21 a (De formando studio epist.) u. Bl. 22 a (An Alex. Hegius). — Laurentius Valla brachte es 1430 in Pavia nicht soweit, daß er die Psalmen lesen konnte. Opera Basil. 1540. S. 626. 3) A. Berliner, Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter. Berlin 1900. S. 108. 4) S. u. A. 18. „Die hebräischen Frühdrucke haben das Schicksal ihrer Verfasser und ihrer Verfertiger erlitten, sie sind über den Erdball zerstreut." Freimann, S. 113. Dieser Zustand der Dezentralisation macht eine Autopsie in größerem Umfang fast unmöglich. Die Preußische Staatsbibliothek bietet in dieser Hinsicht eine nur noch von der Münchener Staatsbibliothek (s. 2. Teil: A. 89) erreichte Vollkommenheit. Die besprochenen Werke — größte Seltenheiten — habe ich sämtlich im Original eingesehen. Außer den i. d. Abkürzungen genannten 16 Werken ist noch die doppelte Anzahl von Schriften des 16. Jahrhunderts im Text und in den Anmerkungen der Darstellung zugrunde gelegt. Steinschneider gibt lediglich Büchertitel, Zahl und Reihenfolge der vorhandenen Ausgaben. Seine Angaben sind — besonders für die ältere Literatur — nicht immer zuverlässig. Vgl. die Besprechung von J. Gildemeister in Z. D. M. G., Bd. 14, S. 297—308. Wo er versagte, bin ich auf J. Ch. Wolf und J. Fürst (s. Abk.) zurückgegangen; dies in allen Fällen, wo mir die Erstausgaben nicht zur Verfügung standen. — Pietro Perreau, Abbreviature e sigle ebraiche ff., Parma 1882, ist mir unzugänglich geblieben. 5) Kluge, Humanismus, S. 26. 6) Bacher, S. 62 und 77. 7) Geiger, Briefw., S. 334. 13. Januar 1522. Eine verbesserte 6. Auflage der gen. Grammatik besorgte J. Böschenstein im Auftrag des Verlegers Sigism. Grimm: „Rudimenta Hebraica Mosche Kimchi a J. Boeschensteinio revisa". Augsburg 1520. Die Basler Ausgabe 1531 besorgte S. Münster. Geiger, Studium, S. 54. Steinschneider, 1051. 85