Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus meinsamen und diffusen Elemente darzustellen, die in der Epoche von etwa 1480—1550 auf diesem Sprachgebiet einen Ausdruck erstrebten. Um konkret zu sprechen: die vom Judentum überkommene philologische Methode der Sprachforschung wurde in der Reformation durch eine Welle religiöser Ekstase überflutet, die Wissenschaft durch die reine Lehre ersetzt. Dieser Zustand, das zeitliche Nach- und Nebeneinander wesentlich verschiedener Aspekte und Persönlichkeiten — als Exponenten ihrer Heimat, ihres Glaubens — zeigt klar, daß in Deutschland im 16. Jahrhundert geistesgeschichtlich unterschiedliche Situationen vorhanden waren, aus denen die Widersprüche eines schließlich doch gemeinsamen Strebens resultieren. Aus diesen idealtypischen Unterscheidungen, begleitet von Einzelanalysen der bedeutenden Erscheinungen, von literarischen und biographischen Details, soll die Darstellung emporwachsen, zugleich ein Zeitausschnitt und ein Beitrag zur Sprach- und Bildungsgeschichte des 16. Jahrhunderts, der auch denen eine Perspektive gibt, die eine solche Untersuchung für einen Wiederbelebungsversuch an literargeschichtlichen Kuriositäten halten. Im ausgehenden Mittelalter war die Kenntnis des Hebräischen immer seltener geworden, und noch im Beginn des 16. Jahrhunderts besaß es auf den Schulen und Hochschulen keine besondere Geltung. Seine Wiedererweckung war gleichbedeutend mit seiner Entnationalisierung und geschah weniger im Interesse des Humanismus als in dem der streitbaren und bekehrungseifrigen Kirche. Der Humanismus hatte an seinem Ideal des Klassischen vollauf genug und stand der Entwicklung der hebräischen Studien mit einiger Zurückhaltung gegenüber, fürchtete von ihnen z. T. sogar eine Beeinträchtigung seiner Aufgaben. Das Hebräische hatte unter den Humanisten keine Vertreter. Der Größte von ihnen, Erasmus (1467—1536), verstand kein Hebräisch; er hatte trotz seiner großen philologischen Gabe das Studium aufgegeben, weil die Fremdartigkeit der Sprache ihn abschreckte und eines Menschen Leben und Kraft zur Aneignung so verschiedener Dinge ihm nicht ausreichend erschien1). Einer der gelehrtesten Humanisten vor ihm, R. Agricola (1443—1485), spricht von seinen gewiß unbedeutenden hebräischen Studien als einer ungewöhnlichen und mühseligen Last und kommt sich selbst dabei vor wie einer, der mit Antäus ringt2). Das beruht auf der geringen Schätzung der x) „Coeperam et Hebraicas attingere, verum peregrinitate sermonis deterritus, simul quod nec aetas nec ingenium hominis pluribus rebus pariter sufficit, destiti." Erasmus an Johann Colet, Paris 1504. Allen ep. 181, 35. „DeHebraicis literis nihil arrogo mihi, quas primoribus duntaxat gustavi labris." Erasmus an Reuchlin, 1. März 1510. Geiger, Briefwechsel, S. 121. Dieselbe Skepsis, denselben Mangel an Selbstvertrauen trägt die ganze kontemplatorische Art des Erasmus an sich; sie machte ihn unfähig, ein System neuer Theologie zu gestalten. Vgl. Erasmus, Compend. vitae (Leydener Gesamtausgabe ed. Joh. Clericus. Lugd. Bat. 1703—6. I., S. 111 ff.): „A studio Theologiae abhorrebat, quod . . .". P. Mestwerdt, Die Anfänge des Erasmus. Leipzig 1917, S. 333. 9. J. Huizinga, Erasmus (Dtsch. v. W. Kaegi). Basel 1928, S. 52. 2) „Vide ineptias meas quaeso vel stultitiam, constitui discere Hebraice, tamquam non satis temporis et operae in pauculis iis Graecis mihi perierit... Accedunt ad haec studia Hebraicarum literarum, quae mihi novum et plenum 84