Mannheim
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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 1 · p. Seite 74

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 1
Article
Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit
Date
1931-01-01
Page
Seite 74 (sequence 3)
Language
German
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zählenden Mannheimer Judengemeinde größer war, als man gemeinhin anzunehmen glaubt; innerhalb des umgrenzten Zeitraums gelangten mindestens 40 solche Fälle beim Stadtrate zur Anzeige. Die unehelichen Mütter waren meist jüdische Dienstboten, aber auch Schutzbürgerstöchter, die Väter jüdische Knechte, Handlungsgehilfen und Schutzjudensöhne. In einem Falle war der Vater ein verwitweter Gemeindevorsteher, der sich mit seiner Haushälterin eingelassen hatte, in einem anderen der Sohn des Oberrabbiners und in einem dritten ein junger xMann, der sich zum Talmudstudium hier aufhielt. Auch von geschlechtlichem Verkehr zwischen Juden und Christen wird berichtet. Wenn gegen Ende des Jahrhunderts die Fälle «unehelicher Geburtenmeldungen beim Stadtrate fast aufhörten, so bedeutet dies keinen Rückgang, der etwa als Verdienst der einsetzenden Aufklärungsbewegung anzusehen wäre, sondern ist dem Umstände zuzuschreiben, daß die Behandlung dieser Fälle einer anderen Instanz zugewiesen worden war. Es geht darum nicht an und widerspricht also den geschichtlichen Tatsachen, die um die Jahrhundertwende einsetzende Reformbewegung für Auswüchse, die, im Grunde genommen, schon früher vorhanden waren, verantwortlich zu machen. Das Streben, die Kinder neben der religiösen Belehrung auch in weltliche Wissensgebiete einzuführen, war für Mannheim keine Errungenschaft der Aufklärung. Allerdings war dies keine Gemeindeangelegenheit, sondern blieb dem freien Willen der Erziehungsberechtigten überlassen. Schon um 1750 gab es jüdische Schreiblehrer, die Unterricht im Lesen und Schreiben der deutschen Sprache erteilten. Das Judenschaftsverzeichnis von 1765 enthält drei solcher Schreibmeister. Ein Lehrer der Michel May'schen Klaus erklärt sich ausdrücklich als „Teutschinformator" — ob haupt- oder nebenamtlich, ist nicht angegeben. Moses Bacharach ist lediglich „mit Instruierung der Rechenkunst beschäftigt" und deshalb abgabenfrei, ebenso sein Kollege David Bauer-Rothschild, der „sich behufs geometrischer Berechnungen jederzeit unentgeltlich dem höchsten Dienste zur Verfügung zu stellen" hatte. 74 Es ist ein glücklicher Zufall, daß neben dem Zeitgemälde Michael Scheuers noch ein weiteres über „die Mannheimer Judenschaft am Ende des achtzehnten Jahrhunderts"10) besteht, aus der Feder von Julius Lehmann Mayer, einem Urenkel des kurpfälzischen Hof- und Milizfaktors und Klausstifters Elias Hayum. Seine erste Schulzeit fiel in Scheuers letzte Lebensjahre. Er erzählt von der damaligen Unterrichtsweise: „Der erste Unterricht begann schon im 3. oder 4. Jahre mit Hebräisch-Lesen; dann wurde sofort die Bibel im Urtext gelehrt und übersetzt. Ich erinnere mich, an meinem vierten Geburtstage schon mit diesem Bibelstudium begonnen zu haben; bereits im sechsten Jahre begann man die Mischna, im achten den Talmud, und bis zum achtzehnten Jahre alle diese Urtexte mit den massenhaften Erklärungen zu studieren ..... Im Schreiben begann man zuerst hebräisch; anderes Wissen wurde nur nebenbei gepflegt, und während ich selbst noch bis zum zwölften Jahre den ganzen Tag über den talmudischen Unterricht genoß, hatte ich nur wenige Stunden pro Woche Unterricht im Deutsch-Schreiben, Französisch und Geographie. Rechnen lernte man sehr gut." Diese scharf beobachtete, aus gut jüdischem Herzen kommende Zeitschilderung berichtigt das von Scheuer gezeichnete Bild noch an vielen Stellen. Nun wäre noch zu untersuchen, ob die Beurteilung Scheuers, der auch Unna beitritt, daß die Verbreitung der neuen Ideen den jüdischen Charakter der Gemeinde sehr ungünstig beeinflußt und die darauffolgende Generation mehr und mehr dem Judentum entfremdet habe, berechtigt ist. Wer unbefangen an Hand der geschriebenen und gedruckten Dokumente jene etwa bis 1862 reichende Periode der Gemeindegeschichte durchforscht, wird zu dem Ergebnisse gelangen, daß noch zu keiner Zeit ein regeres und tiefgründigeres jüdisches Leben in Mannheim pulsierte als in jenen Jahren, da der Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung und um die Durchführung zeitgemäßer Reformen die ganze Gemeinde durchbebte und in ihren ™) Mannh. Geschichtsblätter XXIII, Sp. 178 f.

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