Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" zwischen Nationalismus und Universalismus, die Dubnow eben andeutet, wieder wirkliches Lebensproblem geworden sind. Ernst Simon legte jüngst dar113), daß das jüdische Volk „wohl als einzige Nation der Erde sich niemals mit der bloßen Tatsache seiner Existenz zufrieden gab, sondern immer absolute Wertkriterien an diese Seinsqualität heranbrachte und entschlossen war, die Existenz durch das höhere Sollen zu gefährden und, wenn es sein mußte, sie ihm zu opfern". — Auch an Franz Rosenzweig ist zu erinnern, der einmal von der jüdischen Zerstreuung gesprochen hat, „deren Lebensgesetz jener reine Nationalismus nun einmal n i e sein kann, sondern die immer gezwungen sein wird, ihr nationales Element als eine Funktion des Religiösen zu behandeln, aus einfachen Gründen der Minder.- heitssoziologie. Gründe, die ... wenn man ihnen nachgeht . . ., in das Metaphysische hineinführen: denn warum sind wir immer Minderheit gewesen? Und warum können wir nicht aufhören, es zu sein!"114). Franz Rosenzweig, dessen Dubnow leider mit keinem Wort gedenkt, kam — wie auch Ernst Simon — aus einer Provinz des Judentums, die weder den jüdischen Gott noch das jüdische Volk mehr kannte. Er hat — als Schüler Cohens, den Dubnow nicht verstehen will — den jüdischen Gott und das Volk des jüdischen Gottes wieder erfahren, hat seiner Generation die Schrift, das Wort Gottes an sein Volk, neu erschlossen. Die Säkularisierung der Glaubensgemeinschaft, die Dubnows Werk ausdrückt, hat auch Rosenzweig gesehen. Aber nach einem Geschlecht, das im Glauben an Gott irre geworden ist und sich selbst, das „Volk", als das Maß seines Seins begründet, sieht Rosenzweig bereits eine neue Generation, den Träger neuer Gläubigkeit heranwachsen: „Es könnte wohl geschehen, daß die vor nun 150 Jahren begonnene Säkularisierung der Glaubensgemeinschaften noch weiter fortschreitet und Xirche und Gesetz im alten, überlieferten Sinne nur für kleine Kerngruppen weiterbestehen, während die Allgemeinheit . . . der Gemeinschaft auf einen weltlichen Träger ... in unserem Falle das Jüdische Volk', übergeht. Die Bedeutung der ,heiligen Schriften4 würde dann nicht geringer werden, sondern sogar noch wachsen . . . Wenn Dogma und Gesetz nicht mehr die allumschließenden Klammern der Gemeinschaft sind, sondern nur noch tragende Versteifung im Innern, dann muß die ,Schrift' zu der einen Aufgabe . . .: den Zusammenhang der Geschlechter zu stiften, noch die andere . . . übernehmen: den Zusammenhang von Mitte und Peripherie der Gemeinschaft zu gewährleisten. So würde, auch wenn Kirche und Synagoge nicht mehr das Portal des Weges der Menschheit flankieren sollten, dennoch die Bibel weiter bereit liegen, daß die Menschheit auf ihrem Weg sie um eben diesen Weg befrage und, sie um- und umwendend, ,alles in ihr' finde"115). ') Jeschurun, Mai—August 1930, S. 309. l) Zweistromland, S. 117. 5) Enzyclöpaedia Judaica, Artikel „Die Bibel und die Weltkultur". 2 17