Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" wohl oben auf dem Olymp wie auch hienieden auf Erden" 54). Unter Griechentum versteht er den „Kultus der Schönheit und des Genusses", den „Kontrast zum jüdischen sittlichen Rigorismus" 55). Der Grieche, möchte man mit einem Wort sagen, ist für Dubnow der. „Epikores" des Talmud, der Epikuräer schlechthin. Unverständlicherweise läßt er dann Paulus, der doch gewiß kein Epikuräer war, den „Verlockungen der griechischen Weisheit" 56) erlegen sein. Für Rom hat er nur die Bezeichnung „allmächtiger Welträuber"57) übrig. Nicht anders fallen die Urteile aus, je mehr Dubnow sich der europäischen Gegenwart nähert. Das deutsche mittelalterliche Bürgertum — „eine reaktionäre soziale Gruppe, in der sich wirtschaftliche Habgier mit religiöser Unduldsamkeit paarte"58). Den Humanismus des 18. Jahrhunderts bezeichnet er als „weltfremd"59). Die Strömungen der physiokratischen Sozialphilosophie mißversteht er als „engherzige Utilität"60). Romantik ist „Ueberspanntheit"61). Karl Marx, der als Kind getauft wurde, ist ein „Renegat" 62), Wilhelm II. der „Oberpriester des Kriegsgottes"63). Ueberhaupt sind seine moralischen Bewertungen manchmal zum mindesten stilistisch schwer erträglich. Juden nehmen auf amerikanischer Seite am spanisch-amerikanischen Kriege teil; Dubnow drückt das so aus: „Die Nachkommen der Sephardim und der Einwanderer aus Rußland, dem Lande der neuen Inquisition, waren gleichsam zu Werkzeugen in der Hand der geschichtlichen Nemesis geworden" «*). — Ernesto Nathan wird Oberbürgermeister von Rom: „Das Schicksal wollte es, daß, nachdem das entthronte Haupt des päpstlichen Rom zum ,Gefangenen im Vatikan' geworden war, an die Spitze des weltlichen Rom ein, Nachkomme der Ghettogefangenen trat"6S). Man muß vielleicht selbst aus dem Lande der Pogrome stammen, um die Genugtuung über solche unmittelbaren Wiedergutmachungen ungebrochen mitempfinden zu können. Im Prinzip ist natürlich Dubnow Gegner primitiver Rachegefühle. Es dürfte kein Zufall sein, daß er beim Zitieren des Psalms „An den Wassern Babylons" den Vers unterdrückt: „Heil dem Manne, der die Brut am Felsen zerschmettert"66). Umso beredter sind solche stilistischen „Entgleisungen" wie die oben angeführten. Man ehrt und erhöht die eigene Sache, wenn man dejm Gegner Verständnis und Würdigung angedeihen läßt. — Wie kann Dubnow die erzwungene Annahme des Mohammedanismus durch 54) II, 13. 55) II, 15. 56> II, 548. 57) II, 469. *8) V, 322. ») VII, 365. 60) VII, 379. 61) VIII, 255. «*) IX, 132. 6») X, 519. 6*) X, 285. 65) X, 469. 66) I, 336. 10