Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" er Bilder wie das einer „römischen und persischen Ukraine"*2),, worunter er in Anlehnung an russische Verhältnisse von Freischaren besetzte Randgebiete versteht. Wie von den Marranen spricht er auch von den Mavali, christlichen Scheinmohammedanern*3). Den Chassidismus nennt er eine „Religion des Demos"4*). Die Karäer sind ihm „Schiiten innerhalb des Judentums", eine „Sekte von jüdischen ,Altgläubigen'" *5). Goethes „Dichtung und Wahrheit" zitiert er*6). Vom Marxismus*7), Bolschewismus*8) und Faschismus*9) ist natürlich in der Neuzeit die Rede. Trotzdem ist Dubnow aber von einem wirklichen Verstehen -Wollen all dieser Weltkräfte weit entfernt. Er hat alle jüdischen und nichtjüdischen Quellen gelesen, kennt die wissenschaftliche Literatur der Assyriologie, Aegyptologie und christlichen Theologie, schöpft aus Mommsen50), polemisiert mit Max Weber51), bekämpft Hermann Cohen52) und — hat sie doch nicht begreifen wollen. Auch dieser Zug seiner wissenschaftlichen Arbeit ist wieder keineswegs Dubnows persönliche Eigenheit, sondern ihm mit seiner ganzen Schicht gemeinsam. Die russische Intelligenz der Vorkriegszeit hat sich alle unmittelbaren tatsächlichen Ergebnisse der modernen Wissenschaft zu eigen machen können, — im Innern ihrer Seele sind sie doch Nationaljuden geblieben, mit einem heißen, Empfinden für ihre Gemeinschaft, und dem dumpfen Gefühl gewiß, daß auch jenseits ihrer Grenzen Menschentum sei, das man aber nicht voll verstehen durfte, um sich nicht selber ganz zu verlieren. Der Albdruck der Pogromgegenwart wurde zum Führer des Instinkts in das seelische Verständnis der Vergangenheit. Die Nachbarn waren immer habgierige Feinde, immer hemmungslose Triebmenschen; „denn nicht bloß einer war es", sagt das Volksbuch, das wir am Sederabend lesen, „der wider uns aufstand, uns zu vernichten; sondern in jeglichem Geschlecht stehen sie wider uns auf, uns zu vernichten. Allein der Heilige, gelobt sei er, errettet uns aus ihren Händen". Auf dem Boden dieses ursprünglichen Gruppengefühls ist natürlich ein welthistorisches Verständnis noch nicht möglich. Palästina, das doch auch ein Josua mit kriegerischer Gewalt erobern mußte, wird Dubnow zum „Gegenstand der Eroberungsgier"53) der Nachbarn, Das Weltbild des Griechentums kennzeichnet er in einer Weise, als hätte er darüber nur das bekannte Gedicht von Heinrich Heine ge^ lesen: die Gegensätze sind hier grell gepaart, der Griechen Lustsinn und der Gottgedanke Judäas . . . „Lockere Sitten" herrschen „so- *2) III, 382. *3) IV, 191. **) VII, 214. *5) III, 458. *6) VII, 324. *7) IX, 132 f. *8) X, 516 u. 525. *9) X, 543. 50) II, 569. 51) I, S. XXX. 62) X, 449. 9