Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2259275-2259288-2259290-2260852--3291-2260886- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" persische, griechische, römische und so weiter. Reizvolle Aufgaben sind damit dem jüdischen Historiker zu bewältigen gestellt, wenn er wirklich eine Weltgeschichte des jüdischen Volkes unternimmt. Er hat zu zeigen, wie die Juden Anregungen mannigfachster Art empfingen und wie sie sie innerlich verarbeiteten. Er hat den Ausstrahlungen jüdischen Geistes in der Welt nachzugehen und zu erklaren, wie die Völker diesen Beitrag an Energie aufnahmen. Babylonische Rechtsvorstellungen, persische Erlösungsideen, hellenistische Philosophie, mittelalterliche Magie, westeuropäische demokratische Losungen haben sich in das geschichtliche Antlitz des Judentums eingegraben; Moses, Deutero-Jesaja, Jesus, Spinoza, Marx, Einstein sind die großen Männer, die, dem Judentum entstammend, der Weltgeschichte des Geistes und der Gesittung angehören. Will der Historiker diese Wechselwirkungen verständlich machen, so darf er sich freilich nicht darauf beschränken, Israel wie einen Nachtwandler durch gleichgültiges, unerhelltes Gebiet seinem Messias entgegenschreiten zu lassen, sowenig wie die Juden für die Völker Nomaden waren, die vor ihren Toren gezeltet haben, ohne dauernde Spuren zu hinterlassen. Vielmehr muß ein tiefes Wissen um die Einheit der Weltgeschichte ihn hellblickend machen für die wirklichen Beziehungen zwischen den Völkern. „Ueber der höchsten Allgemeinheit der Geschichte, die sich schauen läßt", müßte er den „geistigen Aether philosophisch-religiöser Ahnungen"38) spüren, der alles umhüllt (Meinecke). — Ranke hat auf der Höhe seines Schaffens diese Einsicht in die Sätze gegossen: „Nicht ein . . . zufälliges Durcheinanderstürmen, Uebereinanderherfallen, Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht ... Es sind Kräfte, und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwicklung erblicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht, aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mitgefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen"39). — „Fasse diese Wesenheiten in ihrer vollen Bedeutung ins Auge! So viel gesonderte, irdisch-geistige Gemeinschaften, von Genius und moralischer Energie hervorgerufen, in unaufhaltsamer Entwicklung begriffen, mitten in den Verwirrungen der Welt durch inneren Trieb nach dem Ideal fortschreitend, eine jede auf ihre Weise. Schaue sie an, diese Gestirne, in ihren Bahnen, ihrer Wechselwirkung, ihrem Systeme"40)! Auch Dubnow verspürt wenigstens die Aufgabe, die Wechselwirkung zwischen Israel und den Völkern darzustellen. Er druckt zum Beispiel die Texte des Codex Hammurabi und des jüdischen Gesetzes nebeneinander auf eine Seite41), es dem Leser überlassend, den Vergleich Punkt für Punkt durchzuführen. Gelegentlich braucht w) Ranke, Die Großen Mächte, ed. Meinecke, Inselbücher Nr. 200, S. 8. 39f a. a. O., S. 59 f. 40) Ranke, Politisches Gespräch, ed. Meinecke, S. 50. ") I, 58 ff. 8