Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" führt wird, dieser habe doch „für Spinoza letzten Endes nur die formelle Konstatierung einer ohnehin bestehenden Sachlage bedeutet"32)? Bei allem Bemühen um Objektivität kann Dubnow Jesus, Uriel Acosta und Spinoza eben nur von — Dubnow her begreifen. Deshalb macht er es schwer, ihm zu glauben, daß das Ideal „der freien Persönlichkeit innerhalb der freien Nation im Bunde gleicher, freier und brüderlicher Nationen — in der friedvollen Menschheit"33) für ihn mehr als nüchterne Vernunfteinsicht sei. Sein eigentliches Ideal ist vielmehr: Sohn seines Volks zu sein, ihm zu dienen, sich, seiner Existenz aufzuopfern. Als die, die sich um ihrer Gemeinschaft willen aufopfern, charakterisiert er auch die Märtyrer des Mittelalters. An einer Stelle übernimmt er das Bild der Massen-Akedah 34), das der Chronist Salomo ben Simson aus Mainz für die Metzeleien der Kreuzfahrer geprägt hat. Aber muß diese Vorstellung nicht alle ihr innewohnende Eigentümlichkeit verlieren, wenn man nicht ihren ganzen religiösen Hintergrund mitsehen will: daß Abraham bereit war, Gott seinen einzigen Sohn zu opfern, und daß der Jude, nach dem Vorbild seines Patriarchen, Gott daher auch mit dem Opfer seines Lebens bezeugen müsse? Die Anpassung der Lehre des Geschichtsverlaufs an die eigenen Bedürfnisse, die Dubnow den Westjuden nachsagt,, läßt er sich im Prinzip gleichfalls zuschulden kommen. Ihnen wirft er „Kapitulation . . . vor den Bedürfnissen und Anforderungen des Augenblicks"3*) vor. Aber auch er hat, ohne es zu wissen, die geistesgeschichtliche Lage des russischen Judentums der Vorkriegszeit in die jüdische Geschichte rückwärts hineingesehen. * * * Nach der Beziehung der Nation auf ihren Gott und neben dem Spannungsverhältnis von Einzelmensch und Kollektiv existiert für das Judentum noch eine dritte Problemreihe: seine Wechselbeziehungen zu den Völkern der Erde. Ihre Darstellung hätte man nach dem Titel von Dubnows Werk als dessen Hauptinhalt erwartet. Zweifelsohne hat Dubnow selbst Aehnliches vorgeschwebt. Während Graetz seine Geschichte der Juden im wesentlichen nach den Perioden innergeistiger jüdischer Entwicklung einteilt, gliedert Dubnow seinen Stoff nach der Umgebung, in der die Juden gelebt haben und der Hegemonie, die jeweils ein Zentrum jüdischer Siedlung über die anderen ausgeübt hat36). Er unterscheidet also zwei große Perioden jüdischer Geschichte, eine orientalische und eine westliche37), und innerhalb der orientalischen zum Beispiel wieder eine assyrische,. 32) VII, 470. 33) II, 561. 34) IV, 281. 35) IX, 110. 36) I, S. XXIII. 37) I, S. XXVI. 7