Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2259275-2259288-2259290-2260852--3289-2260884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" gerade an die Kapitel über die Entstehung des Christentums mit dem ausdrücklichen guten Willen heran, sich in die Erlebnisse des ersten christlichen Jahrhunderts so „hineinzuversetzen, als wäre er selbst ihr Zeitgenosse"22). Er zeichnet die „Frage der individuellen Unsterblichkeit — das neue, durchaus nicht von außen her aufgepfropfte, sondern aus dem inneren Bedürfnis der Gläubigen heraus gewonnene Dogma"23). Er nennt es ein „untrügliches Kennzeichen jüdischhellenistischer Gesinnung", wenn „das Individuelle und somit das Allmenschliche vor dem Nationalen den Vorrang"24) hat. An einer Stelle versteht er sogar die „Neigung zum Individuellen als Gegengewicht zu der überspannten Nationalisierung der Religion"26). In Jesus läßt er „schon früh den Protest des unmittelbaren Glaubens gegen den religiösen Formalismus"26) sich regen, so daß er „der offiziellen Religion die schlichte Religiosität des Herzens entgegensetzte" 27). Endgültig faßt er die Lehre Jesu mit den Worten zusammen: „Das Maß der Dinge ist das Individuum, nicht das Kollektiv. Das Seelenheil jedes Einzelnen ist wichtiger als die Errettung der Nation. So ließ die neue Lehre außer Acht, daß in dem geschichtlichen Prozeß auch eine kollektive Seele zur Entstehung kommt, der um seine freie Entwicklung kämpfende Geist der lebendigen Nation"28). Die neue Lehre ließ das nicht eigentlich außer Acht, sondern bezeichnete es nur als gleichgültig für das Seelenheil des Einzelnen. In der Auseinandersetzung mit dem Christentum gelingt Dubnow jedoch eine einprägsame Formulierung des Judaismus. Er nennt ihn „eine nationale Religion mit einer universalistischen Potenz"29). Aber auch diese Formulierung hängt wieder in der Luft, bleibt Etikette, der der Inhalt der Darstellung nicht entspricht. Noch manchesmal ist später die Rede von der „Urtragödie der freien menschlichen Persönlichkeit . . ., die sich immer aufs neue gegen die geschichtlich gewachsene Ordnung auflehnt, weil sie den diesen Organisationsformen innewohnenden Zweck, die Selbsterhaltung des Gemeinwesens, nicht anzuerkennen vermag"30). Im Leben Uriel Acostas tritt Dubnow „der Kampf des Individualismus gegen die soziale Ordnung entgegen, die, sei es zwangsläufig, sei es infolge menschlicher Unvernunft, das freie Individuum, sein Denken und Gewissen in Fesseln schlägt"31). Klingt das nicht noch nach einer halben Verteidigung des Terrors, dessen „Gemeinschaften" fähig sein können? Wie muß es um die kollektive Sache bestellt sein, wenn zur Verteidigung des gegen Spinoza verhängten Synagogenbannes ange- 22) II, 580. 23) II, 194. 2*) II, 361. 2*) II, 582. 26) II, 532. 27) II, 533. 2«) II, 538. 29> II, 561. 30) VI, 442. 31) dto. 6