Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" Die Pharisäer bezeichnet er als die „national-geistliche Partei des Judentums"17). Von Philo merkt er an, er sei „in viel höherem Maße national gesinnt"18) gewesen, als man für gewöhnlich gelten ließe. Paulus fiel „vom nationalen Judaismus ab"19). An manchen Stellen nennt Dubnow das Religiöse wenigstens gleichberechtigt neben dem Nationalen. „Die Macht der Gaonen, sagt er, bedeutete den Triumph des Talmud sowohl als eines Reglements der jüdischen Autonomie wie auch als des Hortes religiöser Zucht"20). An einem anderen Punkte spricht er vom „Ausschluß aus dem Oemeindeleben und somit auch aus dem nationalen Verband"21). An dieser Stelle wird besonders deutlich, daß Dubnow sich im Grunde in ein Wort verbissen hat, auch dies ein Charakterzug des russischen Juden, dessen höchstes wissenschaftliches Ziel die Definition, der Begriff, das Allgemeingültige ist, während die deutsche Geschichtswissenschaft als ihr letztes Ziel die Anschauung des einmalig Individuellen betrachtet. Die jüdische Gemeinschaft ist eine Blutsgemeinschaft, aber ist denn mit der Bezeichnung „Nation" ihr Wesen erschöpfend gekennzeichnet? Wieviel fruchtloser Streit würde gegenstandslos, wenn die Juden sich darauf einigen könnten, ihre Gemeinschaft nur aus sich selbst und nicht durch von außen herangetragene Begriffe, auch nicht solche des Positivismus und der Soziologie zu erklären. „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heilig Volk", spricht Gott. Man kann eben nicht den Bundesschluß am Sinai willkürlich aus dem Volksbewußtsein ausschalten, ohne den ganzen Geschichtsverlauf innerlich unverständlich zu machen. Spürten wir nicht für uns, welche innere treibende Kraft in der jüdischen Geschichte waltet, so hätten wir aus Dubnows Darstellung nicht begriffen, wie die jüdische Gemeinschaft sich in zweieinhalbtausendjähriger Minderheitsstellung hat erhalten können. Weshalb hat sie nicht dasselbe Schicksal erlitten wie die Zehn Stämme, die spurlos untergegangen sind? — Weil sie Träger einer Idee war! Blutsgemeinschaft und religiöse Gemeinschaft, Volk, aber — „Volk Gottes". * * * Neben dem Verhältnis der Nation zu ihrem Gott ist es ein zweites, das von Nation und Einzelmensch, dessen Thematik Dubnow zwar gesehen, aber nicht bis auf den Grund verfolgt hat. Er durfte der Spannung zwischen Individuum und Volk nicht bis zur letzten Mögr lichkeit nachgehen, wenn anders er nicht dem Prinzip seines eigenen Lebens untreu werden wollte. Die würdige Auseinandersetzung Dubnows mit dem Gedankengehalt der Lehre Jesu macht deutlich, daß Dubnow eben gar nicht Individualist sein kann, daß sein ganzes* Sinnen auf die Gemeinschaft als solche gerichtet ist. Dubnow geht 17) II, 311. 18) II, 519. 19> II, 559. 20) III, 457. 21) IV, 147. 5