Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" den Untergrund des russischen Nationalitätenreiches der Vorkriegszeit gebunden. Er hatte zur Voraussetzung das jüdische Proletariat des Ansiedlungsrayons — auch Dubnow ist im Gouvernement Mohilew geboren. Aus diesem Staubecken von Menschenleben filterte die russische Regierung durch ihre Schul- und Universitätsordnung regelmäßig eine beschränkte Zahl junger geistiger Elite ab, der der Aufenthalt auch außerhalb des Ansiedlungsrayons erlaubt wurde. Die jüdische Intelligenz schloß sich nun keineswegs der herrschenden Nation an, sondern behielt unter der Fülle der Nationalitäten ihr jüdisches Bewußtsein oder — ging unter die Revolutionäre. Soweit sie das letztere tat, sah sie die Emanzipation des russischen Judentums als eine zwangsläufige Funktion der kommenden allgemeinen Revolution an, der deshalb alle Energien zu gelten hatten. Die jüdischen Nationalisten beider Gruppen jedoch kannten kein höheres Lebensziel als alle ihre durch das Studium erworbenen Erfahrungen den vom Schicksal nicht so bevorzugten Stammesgenossen nutzbar zu machen. Ihrer Initiative entsprangen die Gesellschaften ORT und OSE, die sich die berufliche Produktivierung und den Gesundheitsschutz der jüdischen Massen zur Aufgabe gestellt haben und die nach dem Zusammenbruch des zaristischen Staates den Schwerpunkt ihrer finanziellen Werbearbeit nach dem Westen verlegen mußten. Dieselbe Intelligenz hatte auch durch den von ihr gegründeten „Verband zur Erreichung der Vollberechtigung des jüdischen Volkes in Rußland"11) — dem von Anbeginn Dubnow als führendes Mitglied angehörte — die politische Vertretung der Interessen ihrer Stammesgemeinschaft übernommen. Dubnow will in seiner Geschichtsschreibung das jüdische Volk als kollektive geschichtliche Individualität „in ihrer Entstehung, ihrem Wachstum, ihrem Kampf ums Dasein"12) verfolgen. Sie war da, sie ist da und bedarf für ihr Dasein nicht erst des Rechtfertigungs^ grundes einer Idee. Zwar hängt das Los der jüdischen Bevölkerung in den Ländern der Zerstreuung „mit den all erverschiedensten politischen und kulturellen Verhältnissen zusammen"13), aber das jüdische Volk war eben „immer und überall ein Subjekt, ein Schöpfer seiner Geschichte, nicht nur auf dem geistigen, sondern auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens überhaupt"14). Für Dubnow als Historiker hat ein Duodezfürst aus dem Hause der Hasmonäer grundsätzlich das gleiche Interesse wie einer der Propheten, und jeder und jedes wird mit Beziehung auf das Volk gewertet. An den Propheten hebt Dubnow das Moment der „religiös-patriotischen Ekstase"15) hervor. Die Psalmenpoesie, sagt er, war aus zwei Quellen gespeist, „einer gesamt - nationalen und einer rein persönlichen"16). X, 388. 12) I, S. XVI. «) I, S. XXVII. ") I, S. XV. ") I, 226. 16) I, 436. 4