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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 1 · p. Seite 3

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 1
Article
Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
Date
1931-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" Vorliebe oder privaten Studiums, sondern ist selber Zeugnis für ein — inzwischen im wesentlichen abgeschlossenes — Kapitel der jüdischen Geistesgeschichte, den Geist der jüdischen Intelligenz im Rußland der Vorkriegszeit. Sie mag ihrer politischen Ueberzeugung nach in jüdische Autonomisten zerfallen sein, wie Professor Dubnow einer ist, Zionisten wie Tschlenow oder russische Assimilanten wie Poljakow, ihr wissenschaftliches Weltbild war übereinstimmend das des westlichen Positivismus. Dieser Positivismus hieß die ererbten religiösen Traditionen durch den Filter nüchterner Kritik gehen; was blieb, war — wenn man die zahlenmäßig unbeträchtliche Gruppe der Russen jüdischer Konfession außer Acht läßt — weltliches Nationalgefühl. Die jüdische Nation ist nach Dubnow „eine kollektive geschichtliche Individualität"8), deren ins Altertum zurückreichende Vergangenheit zwar religiös betont ist, wie übrigens die „gesamte Kultur des Altertums durch religiöse Prinzipien bestimmt"3) wird, die aber in der Gegenwart keinem höheren Prinzip als der Souveränität ihrer selbst unterworfen sei, — Säkularisierung der Synagoge. „Wäre in dem verhängnisvollen Verlauf der jüdischen Geschichte die nationale Idee nicht gänzlich von der religiösen absorbiert worden", erwägt Dubnow im Anschluß an die Exkommunikation Spinozas, „so hätte es zwischen dem auf philosophischen Höhen stehenden Spinoza und dem Volke, dem er entsprossen war, nie zu einem Bruche kommen können. In jenen Zeiten war indessen der Austritt aus der jüdischen) Kultusgemeinschaft mit dem Austritt aus dem nationalen Verbände gleichbedeutend. Jahrhunderte sollten vergehen, bevor ein Geschlecht von weltlich und dennoch national denkenden Juden dem Gedanken Geltung zu verschaffen vermochte, daß die Zugehörigkeit zum Volke auch mit extremsten Freidenkertum verträglich sei"10). Die Nüchternheit und Gleichgültigkeit der russisch-jüdischen Vorkriegsintelligenz in religiösen Dingen wurde jedoch mehr als aufgewogen durch ihren heiligen Eifer in der Sache des Volkes. Es ist für das gesamte Judentum der Gegenwart ein unabsehbar schwerer Schlag, daß der bolschewistische Umsturz auch dem russischen Judentum den Boden unter den Füßen fortgezogen hat. Seine geistigen Führer wie Professor Dubnow und zahllose andere sitzen heute als Emigranten im Exil in Riga, Wilna, Warschau, Berlin und Paris. Es sind Männer von tiefer geistiger Bildung und Kultur, für sich selber anspruchslos bis zur Selbstverleugnung, die sich bescheiden jeder ihnen persönlich zugedachten Ehrung versagen und nur einen Gedanken haben: ihre Kenntnisse und Kräfte für ihr Volk nutzbar zu, machen. Sie haben an der westlichen Kultur ihren Geist geschärft; das seelische Problem der „Assimilation" jedoch kennen sie nicht. In der Tiefe ihres Gemüts sind sie Juden und nichts als Juden geblieben. Natürlich ist dieser Typus russisch-jüdischer Intelligenz an v 3

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