Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Hanns ReiBner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" zu halten, um zu verstehen, was Rahel Varnhagen am Ende ihres Lebens empfand, wenn sie sprach: „Mit erhabenem Entzücken denke ich an meinen Ursprung und an den Zusammenhang der Geschichte, durch welchen die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechts mit der neuesten Lage der Dinge durch Zeit und Raumesfernen verbunden sind. Ich, eine Flüchtige aus Aegypten, bin hier und finde Hilfe." Auch der Geschichtsschreiber wird in diesem Sinne ein Bekenntnis ablegen müssen, wenn anders sein Werk nicht bloße Chronik bleiben soll. Zugleich wird er den ihm vorliegenden Stoff dauernd mit wachem Sinne auf seinen Wahrheitsgehalt im Lichte wissenschaftlicher Kritik zu befragen haben; denn er soll ja auch keine Predigt schreiben, deren einziger Zweck die Erbauung der Herzen wäre. Es bedarf also (nach Friedrich Meineckes Formulierung) der „Vereinigung von religiöser Ehrfurcht und kritischer Behutsamkeit, von metaphysischen und empirischen Motiven"2), wie sie zum Beispiel in Leopold von Rankes Geschichtsschreibung vorbildlich gestaltet ist Man sollte beide Elemente vereint, wenn schon in jeder anderen Geschichtsdarstellung, so erst recht in der des „Volkes Gottes" erwarten. Dubnow lehnt diese Art Geschichtsbetrachtung jedoch als „theologisch" oder „spiritualistisch"3) ab. In seiner Auffassung ist das Volk souverän und letzter Maßstab seiner selbst; denn erst „das Volk schuf den Gott nach seinem Ebenbilde"*). Dubnow erklärt das Gesetz vom Sinai „auf die allernatürlichste Weise, ohne jegliches Wunder"*), was wissenschaftlich grundsätzlich gerechtfertigt ist; doch dürfte er die Nüchternheit der Erklärung nicht so weit treiben, daß über ihr der Mythos vom Sinai und seine Wirkung über die Welt vollkommen unbegreiflich werden. Das Gottesproblem ist nicht nur der Prüfstein der Menschheit, sondern auch des Historikers. Dubnow selbst nennt seine Methode die soziologische6) und stellt sie über die beiden anderen, die theologische und die spiritualistische. Diese drei Stadien der Geschichtswissenschaft sind bekanntlich das Schema, das der westeuropäische Positivismus des 19. Jahrhunderts an die Entwicklung des menschlichen Geistes anlegt. Auguste Comte schildert die drei Epochen als die theologische, die metaphysische und die positive. Dubnow hat bei teilweise anderer Bezeichnung dieselben Vorstellungen im Auge. Comte's metaphysisches Stadium tauft er das spiritualistische, das positive heißt bei ihm soziologisch, wobei er an einer Stelle noch ausdrücklich erklärt, soziologisch bedeute realistisch7). Die Uebernahme der soziologischen Betrachtungsweise des Positivismus durch Dubnow beruht nicht auf zufälligen Gründen persönlicher 2) Die Idee der Staatsräson, S. 471. s) Bd. I, S. XIV. *) I, 64. *) I, 22. «) I, S. XIV. 7) I, S. XVII. 2