Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Dubnows „Weltgeschichte des JüdischenVolkes" Von Hanns Reißner Nach Heinrich Graetz, elfbändiger „Geschichte der Juden" liegt jetzt als zweite große Gesamtdarstellung in 10 Bänden abgeschlossen die „Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"1) aus der Feder des russisch-jüdischen Geschichtsschreibers Simon Dubnow vor. Dubnow bekennt, wie viel er in bezug auf die Konzeption des Ganzen, und die Gestaltung der Teile seiner Arbeit dem Werke von Graetz schuldig sei. Für sein eigenes Unternehmen aber kann er mit Recht geltend machen, daß seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts historisches Bewußtsein und Bedürfnis der Judenheit sich entscheidend gewandelt haben, und daß es dringendes wissenschaftliches Erfordernis ist, die mannigfaltigen seitherigen Ergebnisse der historischen Einzeldisziplinen nunmehr im Rahmen einer Gesamtdarstellung fruchtbar zu machen. Der Sinn, den Dubnow dem jüdischen Geschichtsverlauf gibt, entsprach der gelebten Ueberzeugung des russischen Judentums. Einer Gruppe mithin, die — darin offenbart das Lebenswerk Dubnows die tiefe Tragik der ganzen jüdischen Gemeinschaft — heute bereits auseinandergesprengt ist und auf neue Fragen eine neue Antwort suchen muß. Jede Kritik an Dubnows Thesen muß diese Verknüpfung zwischen „gesellschaftlichem Sein" und „Bewußtsein" des Geschichtsschreibers im Auge behalten. Aber nach den mannigfaltigen Jubiläumsartikeln aus Anlaß von Dubnows 70. Geburtstag im vorigen Herbst, in denen wissenschaftliche Bedenken mit Recht zurückgestellt wurden, scheint es an der Zeit, diese um der Sache willen nunmehr zu äußern. * * * Das Wort der Mischna, das auch in die volkstümliche Erzählung der Sederliturgie eingegangen ist, gebietet dem Juden, „sich in jedem Geschlecht zu betrachten, als wäre er selbst aus Aegypten herausgezogen". Sein Schicksal ist die Wandlung von „Knechtschaft zur Freiheit". Und doch wird ihn, der in seiner religiösen Tradition gefestigt dasteht, kein Verwundern darüber anwandeln, daß dreitausend Jahre alte Ereignisse seine eigenen sind; denn so hat Gott es gewollt. Er müßte Zweifel und Fremdheit zur Neige gekostet haben, um das nicht für den selbstverständlichen Willen Gottes i) Jüdischer Verlag, Berlin 1925/30. 1