Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 4 (Januar 1931)
- Article
- Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 298 (sequence 15)
- Language
- German
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Alexander Pinthus. Studien über die bauliche Entwicklung der Judensassen in den deutschen Städten stellen14). Die unscheinbaren Häuschen, die in der Darstellung der Peßach-Hagadah (Tafel VI, Abb. 1) die Häuser der geknechteten Hebräer in Aegypten darstellen, mögen den Kleinhäusern des 15. Jahrhunderts entsprechen, die zu dieser Zeit noch der in anderem Zusammenhang gebrauchten Beschreibung von Straßburger Häusern des 13. Jahrhunderts glichen: „Es waren elende Gebäude, selbst die solideren und besseren hatten nur wenige ganz kleine Fenster, so daß sie des Lichtes entbehrten"15). Diese Abbildungen dokumentieren sich aber durch die Ziegel- oder Schieferdächer als Produkte der Darstellungszeit, des 15. Jahrhunderts, in dem schon die Strohdächer in den Städten zu verschwinden begannen. Die kleinen hochliegenden Fenster finden sich aber auch noch in dem Bildchen der Mantuaner Hagadah (Not. 49) aus dem 16. Jahrhundert wieder (Tafel IV, Abb. 3). Und selbst die Amsterdamer Hagadah zeigt Ende des 17. Jahrhunderts das Passahmahl noch in einem schmucklosen Räume mit hochliegenden, allerdings mit Butzenscheiben geschlossenen Fenstern (Not. 51). Der Typ des kleinen Hauses mag etwa das von Stiehl erwähnte zweiräumige „Haus des Judenlehrers" in Rothenburg sein15). Die Bilder der zuerst genannten Nürnberger Hagadah zeigen auch die Hofseite eines zweigeschossigen Wohnhauses vom Keller bis zum Dach (Tafel VI, Abb. 2). Beachtenswert sind an diesem Hause die verhältnismäßig großen, rautenförmig verglasten (oder vergitterten?) Fenster des Obergeschosses. Die hier benutzte Abbildung ist bei Kohut (a. a. O., S. 253) als „turmartiges" Haus bezeichnet. Nach Abbildungen wie die der Nürnberger Hagadah und der Aehnlichkeit mancher Habdalahbüchsen (bei der Feier des Sabbathausganges benützte Gewürzbüchsen) mit turmartigen Häusern — Kohut, S. 237 u. 325 — wie etwa dem Nassauer Haus in Nürnberg („Große Bürgerbauten deutscher Vergangenheit", S. 31) glaubte ich, solche Turmhäuser auch im Besitz wohlhabender Juden vermuten zu sollen. Da aber diese Wohntürme nur in wenigen Städten als Bestandteil großer Adelshöfe vorkommen (Keußen: „Topogr.", S. 85*, Anm. 7 u. 8 und Stiehl: „Wohnbau", S. 116) als verteidigungsfähiger Stützpunkt, ähnlich dem Burgfried, als eigentliche Wohnhäuser also gar nicht in Frage kommen, möchte ich diese Annahme doch fallen lassen. Wie die zinngekrönten Türme der Hagadah Darstellungen von Pharaos Königsschloß oder von Salomos Throne sind, mögen die mit Fähnchen geschmückten Habdalah-Büchsen auch biblische Anspielungen sein, die vielleicht den Tempel in Jerusalem oder die Tore der heiligen Stadt verkörpern. Als Zeichen besonderer Wohlhabenheit werden im Mittelalter steinerne Häuser ausdrücklich überliefert. Daß solche auch in jüdischem Besitz vorkommen, ist nicht weiter verwunderlich, wird aber auch da, wo der Steinbau ähnlich wie in Frankreich, z. B. in Köln schon früh Wurzel gefaßt hat, als besonders bemerkenswert festgestellt17) (Not. 5). Während in Frankreich auch kleinbürgerliche Steinbauten 14) Hirsch: „Konstanzer Häuserbuch" I, S. 122: Entstehung aus dem Einräume. (S. a. Vogts, a. a. O., S. 3.) 15) O. Schmidt: „Straßburger Gassen- und Häusernamen im Mittelalter". S. 12. Vgl. auch von Essenwein: „Der Wohnbau", S. 32. iß) Stiehl: „Wohnbau", S. 139. 17) Vogts: a. a. O., S. 48. 298